Drei Kreise

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Die Religion, die wir heute kennen und fürchten, ist ein Monolith. Der eine Gott, den man in der Kirche anbetet, ist derselbe, an den man sich abends im Bett wendet. So wundert es nicht, dass Menschen, die sich heidnischen Mythen und Riten zuwenden, auch diese in die monolithische Form giessen, die sie kennen: Man betet bei jeder Gelegenheit zu denselben Göttern, sucht eine persönliche Beziehung mit ihnen, hofft, dass sie immer für einen da sind. So wie es Jesus war, als man noch an ihn glaubte.

Heidnische Religionen sind anders. Ihnen fehlen die heiligen Bücher. Ihnen fehlt die Gewissheit darüber, was und wer Gott ist. Sie sind ein Tasten im Dunkeln, ein Ahnen, eine fromme Vermutung. Ein Sammelsurium von Bräuchen und Sagen, die sich widersprechen. Und so ist Heidentum keine Religion mit klar definierten Göttern, sondern ein Nebeneinander von Kulten, die erst zusammen ihren ganz eigenen Sinn ergeben.

Die Götter der germanischen Stammeskönige, der Druiden, der römischen Republik: Sie waren nicht zwingend dieselben, die der gewöhnliche Bauer auf seinem Hof verehrte. Ihnen schuldete man Respekt und einen gemeinschaftlichen Kult. Im privaten Leben aber vertraute man auf Ahnen, Geister des Landes, Mütter der Sippe.

Man wird diesen Traditionen nicht gerecht, wenn man aus den widersprüchlichen Überlieferungen ein festes Pantheon schmiedet. Seine Religion als Beziehung zu dessen Göttern definiert. Zuviel geht dabei verloren: Die Verbindung zur eigenen Herkunft, zum Land in dem man lebt. Gerade das, was heidnische Religionen so einzigartig macht, gerade das, was den monotheistischen Religionen fehlt.

Und so habe ich keine Religion, sondern eine Reihe von festen Bräuchen. Ein Ethnologe würde sie „Kulte“ nennen. Ich ehre meine Vorfahren und die Sagenwesen, die für sie einst unverrückbare Realität waren. Sie sind die Götter meiner Sippe, ihnen vertraue ich am meisten, weil ich weiss, dass sie wissen, wer und wessen ich bin. Ich feiere sie mit meiner Frau und manchmal im Kreis der Familie – und jenes einen Freundes, dessen „bester Mann“ ich bin und der deshalb mein Bruder ist. Wer nicht mit mir verwandt ist, wird daran nicht teilhaben. Weil es ganz einfach für niemanden einen Sinn ergeben würde, lokale Wesen zu ehren, zu denen man keine Beziehung hat.

Die grossen Götter, die Kräfte des Lebens an sich, ehre ich zusammen mit Leuten, mit denen ich mein Leben lebe: Jene, die da sind, wenn man sie braucht. Die meinen Respekt erworben haben. Das sind Leute, die mit mir in den Bergen waren, die mir in schwierigen Zeiten beigestanden sind, die mir unerschrocken ihre Meinung ins Gesicht sagen. Männer und Frauen, die mittragen und mitziehen wenn es nötig ist. Denen ich vertraue und auf die ich zähle, wenn die Umstände wieder einmal widrig sind. Denn nur darum geht es, wenn ich, selten genug, die grossen Götter der Lebenskraft und Lebenswut beschwöre: Um Hilfe in schwierigen Situationen, bei schweren Entscheidungen.

Diese Menschen sind meine Genossen, und das ist ein exklusiver Kreis. Man muss es sich verdienen, ihm anzugehören. Und man kann diese unausgesprochene Mitgliedschaft auch wieder verlieren. Das ist der Unterschied zum Kreis der Familie, der man auf ewig angehört, ganz egal, was man tut.

Und dann sind da die Leute, die mit mir im selben Land leben. Auch es hat seine eigenen Götter, Sagenwesen, von denen man sich hier seit Jahrhunderten erzählt. Würde ich diese nicht ehren, ich wäre kein Heide. Diesen dritten Kult, jenen von Land und Leuten, teile ich mit allen, die mit mir in diesen Gegenden leben oder auch nur zu Besuch sind. Dafür braucht es keine Einigkeit über das Wesen dieser Götter. Es braucht allein die Bereitschaft, ihnen, was und wer immer sie auch sein mögen, mit dem nötigen Respekt zu begegnen.

Die Wesen der Familie, die im festen Bund verehrten Götter der Lebenskraft, die Geister des Landes, die einfach immer da sind: Es sind die drei Wurzeln, die mein Leben mit dem Leben an sich verbinden. Und das und nichts anderes ist es, was Heidentum für mich bedeutet.

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3 thoughts on “Drei Kreise

  1. sehr gut!

    “Ein Sammelsurium von Bräuchen und Sagen, die sich widersprechen.”
    Man darf nicht vergessen, dass dies auch für die monotheistischen Religionen gilt. Auch sie haben eine lange Entwicklung durchgemacht und waren dabei nicht immer so, wie wir es heute kennen. Es wurde nur irgendwann – häufig in nicht allzu ferner Vergangenheit – festgeschrieben, welche der vielen Formen die richtige war.
    Da gibt es in der Bibel durchaus andere Götter neben Jahwe. Sie sollen nur vom Volk Israel nicht verehrt werden – aber sie existieren. Ihre Existenz wird nicht angezweifelt. Ein weiter Schritt hin zum strikten Monotheismus.
    Und ganz zu schweigen von den vielen Heiligen im katholischen Glauben, die immer anders verehrt werden, einige, die irgendwo hochverehrt sind, sind anderswo völlig unbekannt etc. Die Bräuche im Jahreskreis, die verschiedenen Rituale mit denen die Messe gefeiert wurde – und die erst wirklich im 19. und 20. Jahrhundert vereinheitlicht wurden etc. pp.
    Also die Art zu Glauben, an der sich viele Heiden aus Gewohnheit orientieren, ist eigentlich nur ein Ideal, das SO selten wirklich durchgesetzt wurde, wenn man mal genauer hinschaut.

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    • Sehe ich auch so. Wenn man den monotheistischen Religionen nur lange genug Zeit gibt, werden sie wieder heidnisch. Plötzlich wird das Göttliche wieder lokal, aus der Maria wird “unsere Frau von XXX”, die sich von “unserer Frau von YYY” unterscheidet, und Bonifaz ist kein Märtyrer mehr, sondern ein Wesen das die Bohnen wachsen lässt. Die Eiferer müssen gegen diese natürliche Tendenz konstant ankämpfen, und wenn sie es nicht schaffen, gibt es Gegenbewegungen wie den Protestantismus oder den Wahabismus, die sich ausser sich vor Wut gegen die zu eigentlichen Göttern gewordenen Heiligen und Kultorte wenden. Ein Neuheidentum, dass aus der isländischen Literatur eine allgemeingültige Religion konstruieren will, ist diesen Bilderstürmern ähnlicher als der gute alte Volksglaube auf dem katholischen Land. Es ist gewissermassen ein neuer Protestantismus, der beim “ad fontes” einfach die Snorraedda anstelle der Bibel setzt 😉

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      • Ich sehe den Drang, sich auf ein historisches Entwicklungsstadium einer Religion festlegen zu wollen – oder gar noch auf eine lokale Ausprägung – sehr stark bei den hellenischen Heiden. Da wird gestritten, ob Apoll ein Sonnengott ist, denn diese Zuordnung kam durch die Verschmelzung der Ideen von Helios und Apoll. Stimmt, aber ändert nichts an der Tatsache, dass Apoll jahrhundertelang als Sonnengott verehrt wurde. Welche Ausprägung der Religion “stimmt” denn nun – und ist das wichtig?
        Wieso soll ich hier in Deutschland dem athenischen Kalender folgen? Der Jahreskreis war ein ganz anderer, als der, den ich hier habe. Was bringt es mir, das Einbringen des neuen Weines in Athen zu feiern? Die Götter – auch die der Griechen und Römer – wurden im ganzen damaligen Reich verehrt… aber nicht nach EINEM strikten Kalender, nicht nach EINER strikten Idee, sondern nach den jeweiligen lokalen Gepflogenheiten.

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