Vom Unwichtigsein

19961217_10154506182336933_5991379348687564198_nAls ich jünger war, da war ich wichtig. Nicht, dass ich mich wichtig fühlte, ganz im Gegenteil. Doch ich störte mich an meiner Unwichtigkeit. Ich meinte, jemand sein zu müssen. Ich meinte, einen Sinn finden zu müssen.

Ich erzählte mir Geschichten, die mir die Welt passend machen sollten. Ich dachte, ich müsse jemand sein, ich dachte, ich müsse eine Geschichte leben, einen Traum oder eine Leidenschaft, ich dachte, ich müsse etwas tun, ich dachte, ich müsse eine Meinung haben, ich dachte, mein Leben müsse bedeutend sein.

Als ob es meines wäre. Als ob das was ich denke, von mir gedacht würde. Als ob es meine Worte wären, die ich spreche.

In der Kälte endet alle Wichtigkeit. Dort, wo das Leben fremd und anmassend scheint in einer Ewigkeit aus wogendem Wasser und sich langsam bewegendem Fels. Wo die farbigen Punkte geschäftiger Menschlein im grossen Grau nicht mehr sind als eine freche Laune des Augenblicks.

Doch wie laut sie sind. Wie schrecklich bunt. Wie sie alle jemand sein wollen, wie sie alle etwas zu erzählen haben, wie sie flattern und gackern und die Aufmerksamkeit suchen, von denen sich ihre kleinen Seelen ernähren, denn sie verstehen nicht, sie können nicht aushalten, dass sie nichts sind.

Dann drückt die Flut ein Meer gegen den Strand, und weit draussen bläst ein Wal, und alles ist wie immer, und nur Kunststoff bleibt zurück, so bunt und giftig wie die rastlosen schnatternden Punkte, die eben noch auf dem gefrorenen Boden standen und nichts sahen ausser sich selbst. Ein rauher Wind bricht über die Gletscher herein und weht wie er es immer tat und immer tun wird. Und nur wer nicht ist, hört in seinem Heulen ein Gedicht.

Ich vermisse sie nicht, meine Wichtigkeit. Sie ist mir abhandengekommen. Irgendwo in den Weiten, irgendwo über dem Abgrund. Irgendwann während dieses einen Sturzes vielleicht, als ich über ein Schneefeld in die Tiefe schoss, den Felsen entgegen, und keine Kraft der Welt mich retten konnte ausser ein bisschen unvernünftiges und unverdientes Glück.

Wer lange in der Stille sitzt, kann spüren, wie sie sich langsam löst, die Wichtigkeit, wie sie sich erhebt, wie es wie ein dunkler Nebel hinfortschleicht, dieses Wollen, dieses Jemandsein.

Darunter liegen Bilder und Lieder, Kräfte und Ströme, die dich durchfliessen, durchdringen, die älter und zeitloser sind als du. Sie sind es, die wichtig sind. Sie sind es, die dich denken. Sie sind es, die aus dir sprechen. Sie sind in dir, doch sie kennen deinen Namen nicht.

Und ich bin Schaum auf einem grossen Meer. Fast schon wieder weg, und nichts wird von mir bleiben.

Das Meer wird weiter wogen, und ich in ihm, und es in dir. Wir sind nicht wichtig, du nicht, ich nicht. Sehen wir in uns das Meer, müssen wir das auch nicht sein. Dann ist da Schönheit, Liebe und Grossartigkeit. Und die Dankbarkeit, dieses Spiel für einen kurzen, wachen Moment erlebt zu haben, soll uns Sinn genug sein.

Draussen auf der schwarzen See rollen schwere Brecher heran.

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