Die Götter der Männer

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Es gab eine Zeit, da es hart war, ein Mann zu sein. Gegen aussen hin regierte der Vir die Welt. Sein Leben aber war bestimmt vom unabdingbaren Gesetz der Biologie: Er war entbehrlich. Über das massenhafte Sterben ihrer Männer konnte eine Gesellschaft hinwegsehen, über das der Frauen nicht. Stets gab es genug überlebende Jünglinge, um den Fortbestand eines Stammes zu sichern. Und die Frauen waren wählerisch. Nur eine Minderheit der jungen Männer kam überhaupt jemals dazu, Kinder zu haben. Und damit dazu, nach dem Ende ihrer eigenen Kindheit überhaupt noch Liebe empfangen, Zärtlichkeit erfahren zu dürfen.

Alles was hart und gefährlich war, war Sache der Männer. Die Frauen, die Gesellschaft, die Göttinnen des Landes und der Familie: Sie hatten klare Vorstellungen von der Rolle, die ein Mann zu erfüllen hatte. Zeugungsfähig und ein guter Liebhaber hatte er zu sein. Es lag in seiner Verantwortung, Nachkommen zu zeugen, die heilige Lebenskraft der Familie weiterzugeben. Impotenz, Unfruchtbarkeit, Homosexualität – alles was ihn daran hinderte, war mit Schande verbunden, und damit mit dem Ausschluss aus der Geborgenheit der Familie.

Dann musste er ein Führer und Ernährer sein, einer der Essen auf den Tisch bringen, die Interessen der Familien an der Stammesversammlung durchsetzen, die seinen durch die Stürme des Lebens führen konnte. Einer, der immer vorausschaute und der die drei Tugenden dieser Männerwelt verkörperte: Weisheit, Mut und Milde.

Als wehrhafter Beschützer der seinen musste er stark sein, immer bereit, Leib und Leben zu riskieren. Zusammen mit den anderen Männern stand er zwischen Wildnis und Heim, Feind und Familie, Tod und Leben. Für seine Ängste, seine Schwächen, war da kein Platz: Jedes Zaudern, jedes Zurückweichen gefährdete das Gleichgewicht der Abschreckung, dass in einer Stammesgesellschaft den Frieden sicherte. Und damit letztlich das Überleben der Frauen und Kinder.

Der Mann musste einer sein, den man im Augenblick höchsten Gefahr an seiner Seite haben wollte: Stark, kompetent, loyal, bis zum äussersten. Erst wenn die anderen Männer einen als auch in extremsten Situationen noch verlässlichen Partner einstuften, galt er wirklich als Mann. Nur dann hatte er eine Chance, in seinem Leben Anerkennung und Respekt zu erhalten: Die Reputation, die Ehre, deren ständige Verteidigung die Mütter und Frauen vehement einforderten, weil sie ihr einziger Schutzschild waren gegen die Raubtierwelt, die draussen hinter den Grenzen des eigenen Landes lauerte.

Erzeuger, Beschützer, Ernährer: Die Aufgaben eines Mannes waren klar, und sie waren nicht einfach.

So wie die Frauen sich bei Kinderwunsch und Geburt an ihre göttlichen Mütter wandten, brauchten in dieser Welt auch die Männer – nach heutigem Verständnis oft noch Kinder – höhere Hilfe. Sie fanden sie in den Gottheiten der Männer, die sie gemeinsam verehrten.

Drei Arten von Göttern finden sich bei den Indogermanen, und lange Zeit dachte man, dass sie die Stände einer archaischen Gesellschaft repräsentierten. Die einen waren Wesen der Souveranität, der Weisheit, der Gerechtigkeit. Die anderen Kräfte des Kampfes und des Krieges, göttliche Schlagetote und Superhelden. Die dritten waren verbunden mit Fruchtbarkeit, Wollust und Verschwendung.

Wo indogermanische Völker Gesellschaften schuffen in denen Arbeitsteilung herrschte, entsprachen ihnen die drei Stände der Priester, Krieger und Bauern. Doch die meisten Stämme waren Bauernvölker, bei denen alle auf den Feldern arbeiteten. Die drei Funktionen des Göttlichen widerspiegelten hier nicht die gesellschaftliche Ordnung, sondern die drei Aufgaben des Mannes: Ernährer, Beschützer, Erzeuger.

Es ist in unserer Zeit schwer vorstellbar, welcher Druck auf einem jungen Menschen lasten musste, dessen Potenz nicht seine Privatsache, sondern Angelegenheit einer ganzen Sippe mitsamt ihrer unruhigen Toten war. Von dem man erwartete, immer und zu jeder Zeit Leib und Leben für andere aufs Spiel zu setzen. Dessen Entscheidungen nie seine eigenen, sondern immer auch solche für eine Gemeinschaft von Menschen waren, die ihm ihr Leben anvertraut hatten.

Er brauchte Götter, die seine Potenz garantierten, die ihm im blutigen Gemetzel des Nahkampfs Mut einflössten, die ihm dabei halfen, seine Familie zu schützen und zu ernähren.

In seiner Hamburger Kirchengeschichte beschreibt Adam von Bremen drei solche Götter: In Uppsala sollen ihre Standbilder in einem Tempel gestanden sein. In der Mitte der Himmelsgott und Donnerer Thor: Ihm habe man Libationen ausgegossen, wenn Hunger und Pest drohten, berichtet er. Er herrschte über das Wetter und das Korn, er war selbst ein Beschützer und Ernährer der seinen, das Urbild des Mannes, wie er in einer eisenzeitlichen Gesellschaft zu sein hatte. Zu seiner Seite standen zwei weitere: Wodan, in Waffen, ein Gott des Kampfes, den man anrief wenn Krieg drohte, damit er den Männern Mut und Todesverachtung verlieh. Und daneben Fricco, mit einem riesigen männlichen Glied: Ihn bat man um “Frieden und Wollust”. Um Potenz.

Es ist kaum möglich, diese Götter zu verstehen, ohne sich der Vorstellung von Männlichkeit bewusst zu sein, deren ihre Anhänger in ihrer ganzen menschlichen Existenz unterworfen waren. Denn auch wenn wir es heute – zu Recht – anders sehen mögen: Für die jungen Menschen jener Zeit war das harte Männerbild der Eisenzeit eine unabänderliche Realität, der sie sich zu fügen hatten. Und in unseren Breiten hat sich an diesem Bild bis vor wenigen Jahrzehnten eigentlich nicht viel geändert.

Diese jungen Männer brauchten die Kraft des Donnerers, um die hungrigen Mäuler zu stopfen und ihr Haus zu beschützen, sie brauchten den Mut im Kampf, aus dem sie nicht zurückweichen durften, sie brauchten die Kraft ihrer Lenden, ohne die sie einem Leben ohne Liebe und Anerkennung ausgesetzt worden wären.

Diese Götter waren nicht die Gottheiten des Hauskultes, der Familie, und nur bedingt jene des Landes. Sie waren zuallererst die Götter der Männer. Und weil ein Mann in einer solche Welt nur in den Augen anderer Männer Mann sein konnte, war ihr Kult einer der Gemeinschaft, der Reihen derer, die bereit waren, Schulter an Schulter in das sichere Verderben zu marschieren, um die Erwartungen ihrer Familien, ihrer Frauen zu erfüllen.

Man opferte ihnen an zentralen Orten, und es war die Aufgabe des Königs oder Heerführers, das oft schauerliche Ritual durchzuführen: Man gab ihnen Tiere, Waffen – und bisweilen die Feinde selbst. Die Götter, ihr Kult: Sie entsprachen dem Leben der Männer dieser Zeit.

Heute, in einer Welt, in der der gesellschaftliche Druck auf den Mann dank der Emanzipation der Frauen langsam schwindet, mögen diese Götter exotisch und anachronistisch erscheinen. Doch verschwunden sind die alten Anforderungen an den „rechten Mann“ noch lange nicht. Wie Schemen einer vergangenen Zeit geistern sie durch die moderne Welt, sind immer noch eine verborgene Realität, auch wenn sie keiner mehr anzusprechen wagt.

Solange der Man ran muss, sobald es ungesund und gefährlich wird – und sei es nur beim Kisten schleppen –, solange die überwiegende Mehrheit der Familien von einer oft selbstverneinenden Berufstätigkeit eines Mannes abhängt, solange Frauen von den Männern die Initiative erwarten, wenn es um das Sexuelle geht – solange stehen Männer, ob sie es wollen oder nicht, vor denselben alten Herausforderungen wie ihre Väter und Vorväter.

Vielleicht werden sich einige von ihnen wieder unter Eichen sammeln, um die Urgewalten, die ihr Leben formen, „mit dem Namen von Göttern zu benennen und in heiliger Schau zu verehren“ – Götter der Selbstmächtigkeit, des wilden Mutes und der überfliessenden Zeugungskraft – um so ihr Leben als Mann wieder lieben und ehren zu lernen, und diese Liebe und Ehre ihren Müttern, Frauen und Schwestern entgegenzubringen.

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3 thoughts on “Die Götter der Männer

  1. Sehr interessant, ich beschäftige mich gerade mit einem ähnlichen Thema, von der “anderen Seite” her, sozusagen. Seit ein paar Wochen habe ich es nämlich mit genau so einem Gott zu tun, wie du ihn beschreibst. Einer, in dem all die von dir aufgezählten Dinge enthalten sind, der in seiner Natur ziemlich archaisch und für die heutige Zeit kaum verständlich ist, wie mir scheint. Danke auf jeden Fall für deinen Beitrag, hat mich grad sehr inspiriert.

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    • Zeus bzw. Jupiter. Man findet alle drei Aspekte in ihm, die du aufgezählt hast.
      Ich bin gerade dabei mich zu seinem archetypischen Kern zu wühlen… ich will ihn verstehen, vorbei an allen Mythen und Vorurteilen, von denen es extrem viele gibt, wie ich gerade lernen darf. Aber die gibt’s zum Teil auch über Odin und Thor.

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