Switer und Swey

IMG_4788Die Not war gross. An einer kalten Küste nagte das Meer. Von Westen rollten die Wellen heran, drückte Tag für Tag ein schwerer Wind. Er fegte über die Strohdächer und nahm den Rauch der Heime mit sich fort, in den Osten hinaus, wo andere Völker lebten, eine andere Sprache sprachen. Der Hafer faulte auf den Feldern, und die Weiden am Strand wurden salzig von der See. Die Winter waren länger als früher, und im Sommer war die Sonne fern. Die Sonne, die sie angebetet hatten, in einer alten, besseren Zeit. Als dies eine grüne Küste war, schwer von Kraut und Gras. Als die alten Götter in den Gräbern ruhten, versunken im Gold, als die leuchtenden Wagen über kornschwere Felder fuhren und im Morgenrot die ewig junge Göttin sprang und tanzte und sang.

Nun war eine andere Zeit. Mit dem Wind war ein Grauer gekommen, und mit ihm die Wölfe und der Krieg. Fremde sassen in seinen hölzernen Hallen, sie zechten und grölten und verschworen sich dem Mann hinter dem Helm. Auf seinem Hochstuhl gab er Düsteres von sich, man munkelte, er sei der Fremde selbst, Raben befehle er und Wölfe, und unter tausend Namen ziehe er durchs Land. Angst zog ein unter dem grau gewordenen Himmel, und als die Bauern die Heere nicht mehr zahlen, die Herren des Krieges nicht mehr ertragen konnten, trafen sie sich an einem kalten und stürmischen Tag.

An den alten Hügeln standen sie zusammen, blickten auf den tiefen, stillen, schwarzen See. Lauschten dem Rauschen der Bäume, dem Krächzen der schwarzen Vögel, die früher weniger gewesen waren. Und mit stumm geballten Fäusten und krampfenden Augen entschieden sie. So wie sie es früher getan hatten, unter freiem Himmel, aus freien Herzen, mit freien Händen. Ein jeder zehnte solle gehen, mit ihm Frau und Kind, und alles was da war auf seinem Hof. Rauhe Hände griffen in den Losbecher, leere Stimmen verlassen den Willen der Mütter, darin mischte sich das Schluchzen der Weiber, das Fragen der Kinder. Für viele war es der letzte Tag, hier an diesen Hügeln, wo die Ahnen lagen, aus denen einst das Glück gesprossen war, bevor der Nieselregen kam und nie mehr ging.

Unter Eichen schäumten weisse Rosse, Eisen klang im Morgenluft wie Gespensterlachen.  Verstossene, von den Müttern verlassene, verlorene, hatten sie sich hier versammelt, an der Grenze zum weiten fremden Land der anderen. Doch durch die Wolken brach ein Licht, und zwei Reiter rissen ihre Tiere hoch, hoben ihre Schilde in die Luft, und ihre Hengste tänzelten im Kreis. Nach Süden gehe es, rief der eine. An ein anderes, blaueres, wärmeres  Meer, der andere. Dieses Schicksal sei der Anfang einer neuen Zeit, dieser schwarze Tag werde einst besungen werden in den grossen Städten, die man Gründen werde, sagten beide. Keiner möge sie aufzuhalten, keiner ihnen zu wehren, denn sie seien Söhne des Himmels und mit ihnen, wo wohin auch immer sie zögen. Und die Verzweiflung wurde in den Leuten zu einer wilden Hoffnung, und durch die zerdrückten Kehlen brach ein Lachen wie von Steinen, die nach einem langen Winter in Tauwetter und Frühlingsregen ins Rollen kommen. Aus wässrigen Augen schauten sie zu den jungen Reitern hoch wie zu einem leuchtenden Stern.

Eine Sage zog über die schlammigen Strassen, über steinige Pässe, durch staubige Gassen. Man erzählte sie in verlorenen Dörfern des Ostens, man kannte sie in den Städten des Westens. Selbst im fernen Mittag, wo die Sonne immer schien, die Felder Weizen trugen und nicht Hafer, wo Wein und Öl an Bäumen wuchs, flog sie von Herd zu Herd. Ein riesiges Heer sei unterwegs, weit aus dem Norden komme es, es nehme kein Land, doch lasse kein Gold übrig, und es sei unterwegs zur Mitte der Welt. Zwei Götter führten es auf weissen Pferden, ihr Name sei Switer und Swey, ihr Haar sei Gold und ihr Zeichen das Siebengestirn. Wie ein Strom, der wächst in seinem Lauf, würden ihre Leute immer mehr. Denn wo immer sie durchzogen, schlossen sich ihnen junge Männer an, gelockt vom Gold, und mehr noch von dem grossen Traum: Dem Reich im Süden. Dort, wo man den Tieren füttert, was bei ihnen Herren assen. Dort, wo alle sich in feinste Stoffe hüllten, wo die Armen besser lebten als der Kriegsherr in der Halle. Und das Heer wuchs, wie eine Lawine wächst, und es rollte nach Süden, über Flüsse, Berge, Seen, Wälder.

Es wurde Herbst, und vor ihnen stand eine weisse Wand.

Berge. Berge, die höher als die Wolken waren. Grau von Eis, weiss von Schnee. Hier rollte kein Wagen mehr, hier ging kein Pferd. Der Weg in den Süden, der Weg zum Traum – er war vom Winter versperrt. Und das Heer war müde. Müde von den Jahren auf der Wanderung, müde vom hoffen und müde träumen, müde vom siegen und doch immer wieder kämpfen müssen.

Und die Männer sahen um sich, zum ersten Mal, seit sie losgezogen waren, an jenem Morgen unter Eichen an der March der alten Heimat. Und das Land gefiel ihnen. Es war kein Traum aus Blau und hellem Grün, da war keine leuchtende Stadt, kein glänzendes Meer. Doch hier, das wussten sie, konnte man sein. Diesen Wald konnten sie roden. Diese Moore bebauen. In diesen dunklen Hügeln klang der Wind wie einst an ihrer Küste, die Wasserfälle tosten so wie dort das Meer.

Als der Frühling endlich kam, es wollte keiner mehr nach Süden. Die hölzernen Hütten, die moorigen Weiden, die fischreichen Seen – sie waren ihnen Heimat geworden. Was Anfangs nur ein Winterlager gewesen war, wurde nun ein neues Land. Tag für Tag hörte man im Wald die Äxte, der Rauch des Schwendens lag im Tal, und unter manchem Dach tönte nun eine fremde Sprache aus schwarzbraunen Gesichtern, lieblich und schwer wie jene des fern gewordenen Südens. Die Völker mischten sich und wuchsen, und die ersten zogen über die Pässe in neue Täler, immer nach Westen, von Gletscherfluss zu Gletscherfluss.

Nur zwei kamen nicht zur Ruhe: Switer und Swey. Aus der Kälte hatten sie ihre Leute an die Sonne geführt, unzertrennbar waren sie gewesen, so eins, dass manche munkelten, sie seien eigentlich derselbe, derjenige, der im fernen Schweden im goldgefüllten Hügel lag. Doch nun stritten sie sich, immer häufiger, immer lauter. Jeder wollte selbst der Schutzherr dieses neuen Landes sein, jeder ihm den Namen geben.

An einem frühen Morgen sah man hoch unter den Hakenbergen zwei Reiter im Hohlicht, Schild und Schwert in den Himmel gereckt, die Rosse tänzelnd und steigend wie einst unter den Eichen am Rand der Fremde. Es war der Tag, an dem Schwyz seinen Namen erhielt. Denn am Abend lag Swey tot in seinem Blut.

 

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