Heidnische Schweiz III: Geister im Wind

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Für unsere Vorfahren war die Welt von Leben durchdrungen. In Wäldern und Seen, in Bergen und Gletschern lebten überall geheimnisvolle Wesen. Die Seelen der Toten ruhten nicht in einem fernen Jenseits, sondern als Geister in der Landschaft weiter. Besonders im Wind vermeinte man das Wispern der Verstorbenen zu vernehmen:

„Ds aalt Bäbi hed gsäid, d Lufd siigi volli Gäischter. Wen äina wää wwie ne Ggufechnopf, mechti d Sunnen nid derdir gschiinnen.“
Melchior Sooder/ Zelleni us em Haslital

Die Vorstellung, dass die Geister der Toten im Wind weiterleben, ist uralt. Der Atem wurde früher als die lebendige Seele des Menschen betrachtet. Beim Tod löste sie sich mit dem letzten Hauch und liess einen leblosen Körper zurück. Der im germanischen Raum weit verbreitete Brauch, nach dem Sterben eines Menschen die Fenster weit zu öffnen, geht auf diese heidnische Ansicht zurück. Im Sturm zeigte sich die Macht der Toten besonders eindrücklich:

„Obenhar ischd der Wätterlufd ggangen. Äs hed toossed; d Tanni häi si gchrimpd, und d Telden häi ggiigampfed. Schneerüoti sii chun; äi Stöipeten hed die ander gjagd; i Churzem hed´s ubergrääwwds ghäben. Um ds Doorf um ischd no alls stills gsiin; nummen hie und daa ischd e Schneefläige chu z fläiserlen. Mier Büoben häin däm züogseen. „Wie das tüod!“, hd äina gsäid. Und Peetsch hed ggmäind: „Das siin Gäischter. Das prichted ds Groosi geng. Si chemen im Wind und tien esoo brielen und chittellen im Bäimmen und wellte sa zerschriissen.“
Melchior Sooder/ Zelleni us em Haslital

Das Türstegjeg

Auch die Innerschweiz kennt die im Sturm umherziehenden Geister. Ihr Anführer heisst hier mit einem alten deutschen Wort für „Riese“ Türst. Dieser Türst haust mit seinem „Gjeg“ auf dem Pilatus und verscheucht dort den Sennen das Vieh. Im ganzen Kanton Luzern gibt es Türstwege, auf denen er durch das Land zieht. Begleitet wird er von dumpf bellenden, dreibeinigen schwarzen Hunden und der Sträggälä, einem unheimlichen, kinderraubenden Weib. Wer sich dem Türstengjeg in den Weg stellt, wird in Stücke zerfetzt oder zumindest entrückt. Der Luzerner Stadtschreiber Cysat schrieb im sechzehnten Jahrhundert die Geschichte des Hans Buchmann nieder, der 1572 nahe dem Schlachtfeld von Sempach dem wilden Heer begegnete. Er sei durch die Lüfte getragen worden und habe sich anderntags bei Mailand wieder gefunden.

Im Dialekt heissen die unheimlichen Schemen heute Boozen oder Boozu. Oft hausen sie in Tobeln oder finsteren Wäldern und fallen des Nachts die Menschen an. Sie finden keine Ruhe und müssen jede Nacht dieselbe Handlung wieder ausführen – so etwa ein Viehirt aus Lauterbrunnen, der eine Kuh, die durch seine Schuld abestürzt ist, jede Nacht aufs Neue aus dem Tobel auf den Berg tragen muss. Diese Vorstellung passt merkwürdig gut zum Bild der in der Schlacht Gefallenen in Wuodans Heer.

Schon Tacitus weiss von dem Hariern zu berichten, unheimlichen Kämpfern, die des Nachts über ihre Feinde herfielen. Ihre Schilde und Gesichter seien mit Russ geschwärzt, um die Gegner in Angst Schrecken zu versetzen. Hinter diesen Hariern vermutet man heute Kriegerbünde, die das Heer der Toten kultisch nachahmten. Dieses Motiv geht in graue indoeuropäiusche Vorzeit zurück, ist doch der indische Rudra nicht nur Herr der Toten, sondern auch Gott der irdischen Kriegerbünde.

gespensterentlebuch
Das Wuotinsheer und Gratzug

In der Schweiz wurde das Wuotinsheer aber nicht einfach als eine Horde schrecklicher Dämonen aufgefasst wurde. Im Gegenteil wurde dem „Nachtvolk“ besonders in den Gebirgskantonen eine tiefe Verehrung entgegengebracht:

„Ein seltsames Gespenst, das nachts wandelt, heisst „Wuot ins Heer“. Das gewöhnliche Volk und die andächtigen Weiber nennen es auch Guot ins Heer oder die seligen Leute. Cysat wüsste darüber, so schreibt er, des weiten und breiten zu erzählen. Es ist das Gespenst, das viele ehrliche Männer der Landschaft Luzern in den Lüften fortgetragen hat.

Vor dem Gespenst haben die Alten, besonders die aus dem Volke, eine grosse Achtung. Sie halten es samt seinem Gefolge für heilig und selig. Sie meinen, das selige Volk schare sich aus den Seelen der Menschen, die vor ihrer festgesetzten Zeit und Stunde und ohne den natürlichen Tod zu erwarten aus diesem Leben geschieden sind. Die Seelen müssen nun, so meint das Volk, nach dem Tode auf Erden wandeln, bis sie die ihnen gesetzte Stunde erreicht haben. Sie ziehen zusammen wie in Prozessionen, wandern von einem Ort zum anderen. Wer durch Waffen umgekommen ist, trägt sie als Wahrzeichen mit sich. Andere deuten mit andern Zeichen an, wie sie ihr Leben verloren haben.

Von der Schar der seligen Leute geht einer her, der ruft: „Vom Weg ab, vom Weg ab, es kommen die Seligen!“ Sie führen bei sich ein liebliches Saitenspiel, das hört sich gar weich an, aber undeutlich.“
vuotisheer.ch/ sagen

Im Berner Oberland erzählt man sich vom „Nachtvolk“:

„Ds Nachdvolch hed e wwiita Wäg. Äs gäid und gäid; äs ghirmed nie. Äs gäid dir d Zämi und dir d Wildi und waan nid Wäg und Stäg ischd“
Melchior Sooder, Zelleni us em Haslital

Geheimnisvoll raunend zieht es des Nachts als endlos langer Zug durch die Berge. Im Sommer kann man oft beobachten, wie mitten in der Nacht „ganz Ziileti Liit“ mit Lichtern über die Alpen ziehen. Beim Einnachten ist manchmal der wunderschöne, durchdringenden Gesang des Nachtvolks zu vernehmen. Wer ihn aber hört, ist bald darauf des Todes, und wer dem Nachtvolk begegnet, muss im kommenden Jahr mit ihm gehen. Wie ein kühler Hauch streift es den, der ihm im Wege steht, und bald schon befällt ihn Krankheit -– Gicht, Lähmungen, Rheumatismus. „In e Wwind chun“, wird dies genannt.

Doch obwohl man im wörtlichen Sinne einen „Heidenrespekt“ vor dem Nachtvolk hat, gilt es nicht als böse:

„Under der Burg gäid ds Friesevolch. Das mangled nid z ässen; das ischd es bessers Volch waa mmier, und es siin nid Usälegi.“
Melchior Sooder/ Zelleni us em Haslital

In dieser Sage schwingt dieselbe Hochachtung mit wie in den Berichten vom Wuotinsheer in der Innerschweiz. Das Nachtvolk wird hier auch Friesenvolk genannt. Nach der alten Abstammungssage der Hasler waren die Friesen jene geheimnisvollen Vorväter, die aus dem hohen Norden kommend, als erste das Tal besiedelten. Ziehen sie als Totenheer umher, weil sie Heiden waren und nicht in den christlichen Himmel kamen?

Wie es in der Innerschweiz Türststrassen gibt, so kennt das Berner Oberland Friesenwege, auf denen sich das Nachtvolk bewegt. Scheunen oder Alphütten, die auf diesen Geisterwegen liegen, müssen zu bestimmten Zeiten die Türe öffnen um das Nachtvolk durchzulassen – andernfalls wird die Hütte vom Sturm zerblasen.

Im Winter bemächtigt sich das Nachtvolk der leerstehenden Alphütten. Die „Naachääseller“, gespenstische Sennen, verkäsen dort im Winter die Milch, die den Sommer über verschüttet worden war. Vergnügt entfachen sie Feuer unter dem Chääschessi, erzählen sich Geschichten, trinken Schnaps und rauchen Tobak.

Wie hoch bis vor wenigen Jahrzehnten das Nachtvolk geschätzt wurde, zeigt der traditionelle Weihnachtsbrauch im Haslital. Hier war man der festen Überzeugung, dass am heiligen Abend die Geister der Verstorbenen in die Häuser der Lebenden kämen. Nachdem die ganze Familie gemeinsam aus einer Holzschüssel Milch und Brot gegessen hatte, liess man die Reste über Nacht stehen:

„Am häilegen Aaben hed ma genge Mmilch, Brood und bbraatna Chääs ghäben. Was ma nid hed mege ggässen, hed ma uf em Tisch gglaan. Esoo hed s ds Groosi wellen han und nid anders. In der Nachd chemi ds Nachdvolch. Das, waa no uf em Tisch siigi, siigi fir das.“
Melchior Sooder / Zelleni us em Haslital

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Ein eisiges Totenreich

Im katholischen Wallis kennt man dagegen eine andere Erklärung für das Wesen des Nachtvolks. Gemäss der katholischen Lehre vom Fegefeuer sieht man hier die wandernden Geister als arme Seelen. Das Wuotinsheer heisst hier „Bootzuzug“ oder „Gratzug“, weil es auf den weissen Graten wandert und im ewigen Eis zuhause ist. Manchmal trifft man den Gratzug als lange, von wunderschöner Musik begleitete Prozession, manchmal stürzt er wie ein Wirbelwind unter Peitschengeknalle und Jauchzen, Sausen und Brausen durch die Tobel und Schluchten hinunter ins Tal.

„Als sie aber eine Strecke weit neben dem Rhonegletscher marschiert waren, bemerkten sie plötzlich, das Blatter unversehends zurück geblieben war. Sie suchten und fanden ihn am Rande des Gletschers; er machte mehrmals das Kreuzzeichen über letztern und seufzte dann, dass sie es hörten: „O dü armä Gletsch! O iehr armä Seelä!“ Er hatte die armen Seelen auf dem Gletscherfelde geschaut.
Ludwig Imesch/ Was die Walder erzählen

 

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