Brunnenrede

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Der Brunnen ist tief, und alles sinkt hinein. Was eben noch rauchte und brannte liegt still auf dem Grund, noch zieht etwa trübe Asche durch den Teich, sie sinkt, sie wird zu feinem, ungestörtem Schlamm. Dort unten, durch einen klaren Spiegel hindurch, sehe ich, was war, was nie mehr sein wird. Da liegen die verlorenen Dinge, da feiern die bedeutungslos gewordenen. Da tafeln sie und heben ihre Krüge, doch durch das Wasser dringt kein Laut zu mir herauf. Hier ist es still und kühl, nur oben im Baum flüstern die Blätter leise vor sich hin. Das ist die neue Zeit, das ist das neue Land, und den Weg in es hinein geht man allein. Continue reading

Unter Eichen

17854923_10154249231886933_6874234617508989435_oWenn du unter den Eichen stehst, immer noch schwitzend, immer noch ein wenig zitternd, hast du es geschafft. Dein Schädel brummt noch von den Schlägen, die Muskeln brennen von der Kraft, die du beim Ringen brauchtest. Doch nun ist alles gut. Vor dir steht der Sieger, der stärkste, der alle Kämpfe gewonnen hat. Er hat einen Kranz im Haar, hebt eine Schüssel empor, giesst etwas ins Feuer und die Flammen lodern heftig auf. Der Wind rauscht in den Blättern. Continue reading

Budulak

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Wenn die Buben zu den Peri ziehen, werden sie rein. Hoch oben auf den Bergweiden sind sie weit von den Frauen, weit von den Männern, weit vom Dorf, und nahe am Tirich Mir, dem König des Chitral. Dort sind sie mit den Ziegen, die die Lebenskraft des Volkes sind, trinken vom Wasser, dass aus Schnee kommt und aus Eis, sind der harten, brennenden Sonne der Höhe nah, atmen eine Luft, die dünn ist und klar wie ein Wässerlein, das über Steine fliesst, und aller Dunst und aller Staub liegt weit unter ihnen in Tal, wo die Erwachsenen sind und die Kinder, die immer auch unrein sind, weil sie im Leben und nicht auf den Bergen sind. Einen Sommer lang sind die Buben den Peri nah, dann schwindet das Warme und Feuchte langsam aus dem Tal, und es wird Zeit für sie zurückzuziehen. Continue reading

Die Götter der Männer

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Es gab eine Zeit, da es hart war, ein Mann zu sein. Gegen aussen hin regierte der Vir die Welt. Sein Leben aber war bestimmt vom unabdingbaren Gesetz der Biologie: Er war entbehrlich. Über das massenhafte Sterben ihrer Männer konnte eine Gesellschaft hinwegsehen, über das der Frauen nicht. Stets gab es genug überlebende Jünglinge, um den Fortbestand eines Stammes zu sichern. Und die Frauen waren wählerisch. Nur eine Minderheit der jungen Männer kam überhaupt jemals dazu, Kinder zu haben. Und damit dazu, nach dem Ende ihrer eigenen Kindheit überhaupt noch Liebe empfangen, Zärtlichkeit erfahren zu dürfen. Continue reading

Switer und Swey

IMG_4788Die Not war gross. An einer kalten Küste nagte das Meer. Von Westen rollten die Wellen heran, drückte Tag für Tag ein schwerer Wind. Er fegte über die Strohdächer und nahm den Rauch der Heime mit sich fort, in den Osten hinaus, wo andere Völker lebten, eine andere Sprache sprachen. Der Hafer faulte auf den Feldern, und die Weiden am Strand wurden salzig von der See. Die Winter waren länger als früher, und im Sommer war die Sonne fern. Die Sonne, die sie angebetet hatten, in einer alten, besseren Zeit. Als dies eine grüne Küste war, schwer von Kraut und Gras. Als die alten Götter in den Gräbern ruhten, versunken im Gold, als die leuchtenden Wagen über kornschwere Felder fuhren und im Morgenrot die ewig junge Göttin sprang und tanzte und sang. Continue reading

Die Welt wieder verzaubern: Versuch einer Anleitung

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Wer weiss schon, dass man in der Schweiz einst eine Göttin der Bären verehrte?

Wir sind ein heidnischer Haushalt aus dem Schweizer Mittelland. Wir kommen nicht von hier. Sie kommt vom Oberrhein, aus der Stadt Basel. Ich komme aus den Nordalpen, vom Brienzersee. Gemeinsam haben wir einen nicht geringen Teil unseres Leben in den Bergen Norwegens verbracht. Das sind die vier Länder, die uns geprägt haben. Lange Zeit waren wir Anhänger von Ásatrú, wie die wiederbelebte nordische Religion heute genannt wird. Seit dem ersten Thorshammer, den ich 1997 gekauft habe, hat sich viel verändert, auch in der Forschung. Continue reading