Leben in einer beseelten Welt: Von Müttern, Elben und Göttern

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Einst war der Mensch kein Individuum. Er war nicht weniger, er war mehr als das. Teil eines grossen Ganzen, durchwirkt von Mächten und Kräften, die mit ihm in der Welt waren. Die ihn überdauerten, an denen er Anteil hatte. Er wusste um diese Teilhabe, und er feierte sie in seinen Festen. Er gab Dinge, die ihm wichtig waren, weil er wusste, dass diese Dinge nicht von ihm alleine kamen. Und er erzählte sich Geschichten über diese Kräfte, wie über Menschen, die er kannte. Denn sie waren ihm vertraut wie einem ein Gesicht vertraut ist, eine Stimme, oder ein Geruch. In diesen Geschichten gab er seinen Kindern weiter, was er über das Leben wusste. Dass es etwas war, das über die Summe der Atemzüge hinausgeht, die ein Mensch in seiner kurzen Zeit tut. Dass jeder aufgehoben ist in einer Geschichte, die schon lange zu Ende erzählt ist, die traurig ist, aber unglaublich schön. Continue reading

Fylgja

IMG_4655Ich nahm den blauen Stein in meine Hand, umfasste ihn fest, und es war, als ob nun etwas aus mir herauswachse wie Flügel. Halb in mir, halb über mir, breitete sie die Arme aus, ihr rotes Haar wehte und sie war schön und vertraut, und ihr Körper straffte sich mit all dem Mut den ich nicht hatte. Sie blickte wild nach vorne, kämpferisch und siegesgewiss. Ich ging nun aufrechter, und mein Schritt wurde fester. Ich war nicht mehr allein. Ich folgte ihr. Ihr Mut und ihr Vorwärtsblicken faszinierten mich. Continue reading

Hamingja

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Sie zieht den Strohhut ins Gesicht, und ihr Rock weht über den groben Schuhen im Wind. Sie führt den Hirtenstab in ihrer rissigen Hand als wäre er ein Spiess, sie zieht mit grossen Schritten über Bach und Stein. Es regnet schon, es geht ein rauher Wind, und ihr Gesicht ist hart und älter, als es scheint. Sie ist unterwegs, und wer von weitem schaut, sieht dass sie gross ist wie die Bäume, die sich nun im Wetter wiegen. Sie ist eine Mutter, und sie schaut zu ihrem Kind. Das weit weg ist, auf der anderen Seite der Welt, doch das kümmert sie nicht. Ernst wie ein Berg, unaufhaltsam wie ein Gletscherfluss zieht sie ihren Leuten nach, führt sie, mahnt sie, rettet sie – und wird sie einst nach Hause bringen, an das Feuer im Berg, wo das Holzgeschirr klappert und die alten Lachen wie sie es immer taten, wenn sie Zeit hatten und zusammensassen.

Hündlein, Bock und Stier

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Drei Schwestern sind im alten Tal. Sie sind so alt und wild wie die Berge selbst, und manchmal sieht man sie auf den abgelegenen Alpen. Dort sitzen sie in den Heidelbeersträuchern und kämmen sich das herrliche Haar. Dort springen sie behende wie die Geissen von Stein zu Sein. Dort nähern sie sich manchmal, wenn ein junger Mann alleine ist, und locken in zu sich, in den Berg, in den Gletscher hinein. Continue reading

Das Opfer

14708261_10153806604431933_95082835246058226_nEr kroch in die Flasche. In ihr bauchiges Grün. Immer wenn es ihm zu viel, die Welt ihm zu laut geworden war. Dort schimmerten warme Lichter, wenn es draussen kalt war. Dort glitzerten Träume, und in seltsamen Gestalten sah er, was er zu sein glaubte. Dort war es kühl und ruhig, wenn draussen die Sonne brannte, und ihn das Fleisch zu ersticken drohte. Dort drinnen lebte Faszinierendes, und das Leben schien gross, er selbst schien schwer, alles hatte Körper und Gewicht und Bedeutung. Dort drinnen, in diesem Unterleib aus Glas, war alles milchig und gedämpft wie an einem stummen Sommernachmittag. Und draussen zogen die Menschen vorbei, unbekannte, dann wichtige, zog das Leben vorbei, auch sein eigenes. Continue reading

Hagelsee

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Foto: Aschy Walthard

Man sieht die Sonne am Himmel. Man sieht die Alp, in gelbes Grün gekleidet. Es weht das Bimmeln von Glocken durch die Luft, Kühe tragen die schweren, Ziegen die kleinen, zusammen spielen sie ein Orgelspiel, dadurch dringt das Rauschen der Bäche, wie Silberfäden hängen sie von den schwarzen Felsen, sprühen Kühle in den Sommertag. Continue reading

Heidnische Schweiz I: Die Welt der Bergler

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Geheimnisvolle Plätze, uralte Sagen, archaische Maskenbräuche – vieles von dem, was in den abgelegenen Tälern der Alpen seit Generationen erzählt und geglaubt wird, erinnert in seiner Urtümlichkeit an die magische Welt vergessener Urvölker. Tatsächlich reichen viele dieser Bräuche in vorchristliche Zeiten zurück. Immer wieder lebten sie in einem neuen Kontext auf, änderten ihre Gestalt, aber nicht ihr Wesen. So erstaunt es nicht, dass der Anblick eines Funkenfeuers oder eines Treichelzugs noch heute bei vielen ein mystisches, heiliges Gefühl auslöst.

Noch heute glauben manche Alpenbewohner an die Existenz des Nachtvolks, der Zwerge und der geheimnisvollen wilden Weiber, die schon manchem Jungesellen zum Verhängnis wurden.Viele Sagen handelten von den Zwergen oder Wildmanndli, die in den Bergen leben. Sie hatten den Menschen einst gelehrt, wie man Käse herstellt, und die Gemsen sind ihre Ziegen, die sie liebevoll pflegen und aus deren Milch sie ihren Zauberkäse herstellen, der nie zur Neige geht.

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Andere Sagen erzählen vom gespenstischen Heer der Toten, dem Nachtvolch oder dem Gratzug. In der Innerschweiz war der gespenstische Zug als Wuotisheer, das Heer Wuodans, bekannt. Die Geister leben hoch oben in den Bergen in den Gletschern und besuchen die Lebenden um Allerseelen oder während der Heiligen Nacht.

Das Nachtvolch war denn auch eng mit den furchterregenden maskierten Horden verbunden, die zur Mittwinterszeit durch die Dörfer zogen. In ihrer heiligen Wut wurden die jungen Maskierten eins mit dem dem gespenstischen Heer ihrer erschlagenen Vorfahren, die in der Schlacht mit ihnen für den Fortbestand ihrer Sippen kämpften – so wie die Einherjer, die Erschlagenen der nordischen Sagen, am Ende der Welt mit Odin gegen die Feinde der Götter und Menschen antreten.

Viele Berge, unter ihnen die berühmte Jungfrau, sind nach weissen, jungfräulichen Frauen benannt, die dort oben in Fels und Eis leben. Sie sind Herrinnen der Wildnis. Manche von ihnen leben in dunklen Bergwäldern, andere hausen in Felsen und Höhlen. Manchmal begegnen sie jungen Hirten und versprechen ihnen Liebe, Gold und Reichtümer. Doch die Wilden Frauen sind gefährlich – bisweilen zermalmen sie ihre menschlichen Liebhaber, und wenn sie nahe bei den Dörfern gesehen werden, folgen Erdrutsche, Murgänge und Lawinen. Andere zeigen sich als wunderschöne weisse Frauen, die in Seen, Flüssen und Quellen leben, oder als junge Mädchen, die nackt durch den Wind reiten und Hagel und Sturm über das Land bringen.

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All diese Sagen zeugen vom Glauben an eine verzauberte, belebte Natur, mit deren geheimnisvollen Bewohnern sich der Mensch zu arrangieren hat, um schrecklichen Katastrophen zu entgehen. Lawinen und Felsstürze bedrohten Mensch und Vieh, viele Höfe waren von weiten Wildnisgebieten umgeben. Dort, in den Bergen, Sümpfen und Wäldern, waren unheimliche Mächte am Werk. Trollhafte, behaarte und bärenstarke Gestalten, unberechenbare, zauberkundige Weiber, die Seelen der Verstorbenen, die im tiefen Winter bis zu den Behausungen der Lebenden vordringen konnten. In diese Gebiete wagten sich nur ein paar Wilderer, Schmuggler und Ausgestossene – Menschen, die den Bauern selbst oft selber fremd und gefährlich vorkamen.

Das Ringen mit der Wildnis

An diese Welt der Riesen grenzten die Sommerweiden, die für ein paar Monate den Menschen und ihrem Vieh, danach aber wieder den Geistern gehörte. Um die Höfe herum lagen Wiesen und Äcker. Dies war das Reich der Menschen, eine vertraute Landschaft, in der die Bauern das Wirken ihrer Ahnen täglich vor Augen hatten. Im Zentrum dieser Bauernwelt befand sich die kleine Siedlung mit der Dorflinde, unter der man Versammlungen abhielt.

Diese Sicht der Welt findet sich auch in den mit dem alemannischen Heidentum eng verwandten nordischen Mythen, die vor rund tausend Jahren in Island aufgezeichnet wurden: Hier wohnen die Götter auf stattlichen Höfen und versammeln sich zu einer Landsgemeinde am Fuss des Weltenbaumes, der den Himmel trägt und an dessen Fuss die Quelle des Schicksals, des Lebens und der Weisheit sprudelt, aus der die Nornen das Schicksal der Götter und Menschen bestimmen – so wie bei den Menschen drei Feen den Neugeborenen ihre unabänderlichen Sprüche mit auf den Lebensweg geben. Um dieses göttliche Dorf herum liegen die Felder der Menschen, weit draussen, hinter Wäldern und Bergen, hausen die Riesen. Immer wieder dringen sie in Midgard, dem “Garten der Mitte” ein, verwüsten das bebaute Land und müssen von den Göttern im Kampf zurückgedrängt werden.

Dieser Ringen mit der Wildnis erlebte der Bauer in seinem eigenen Leben: Jahr für Jahr mussten die Wiesen vom Schutt der Lawinen und Hochwasser geräumt werden. Das Wissen, wie man sich in dieser rauhen Natur behaupten konnte, wurde von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Diese Traditionen waren heilig. Nicht umsonst nannten die letzten germanischen Heiden, die alten Skandinavier, ihre ganze Religion schlicht hinn forni siðr – den alten Brauch.

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Wer nicht tat, wie es Recht und Brauch war, konnte plötzlich von schweren Katastrophen heimgesucht werden. Unzählige Sagen erzählen von einem goldenen Zeitalter, in dem selbst im Hochgebirge saftige Weiden wuchsen und die Kühe mehr Milch gaben, bis ein übermütiger Bauer mit den althergebrachten Regeln brach und Fels und Eismassen seine Blüemlisalp unter sich begruben. Der Grund des Unheils liegt darin, dass mit dem Brechen des Alten Brauchs das Gleichgewicht der Welt ins Wanken gebracht worden ist. Denn dieses ist nicht die Schöpfung eines allmächtigen Gottes, sondern entsteht aus einem hin- und herwogenden Kampf zwischen feindlichen Kräften – Leben und Tod, Licht und Dunkel, Feuer und Eis. Gut und Böse spielen in diesem ewigen Ringen keine Rolle. Der Widerstreit der verschiedenen Mächte hat etwas Schicksalshaftes. Eines führt eben zum anderen, es kommt, wie es kommen muss, und dem Menschen bleibt, zu tun, was zu tun ist. Und das am besten gleich richtig.

Denn das ganze Denken des Bergbauern kreiste um seinen Hof, das Erbe, welches ihm von den verehrten Ahnen gegeben ist und welches er seinen Kindern schuldete. So ist der Einzelne ein Glied in einer langen Kette, die von den mythischen Urahnen bis zum kleinen Kind in der Wiege reicht, das Land und Hof dereinst seinen Nachkommen weiterreichen wird. Man muss die Verantwortung über seinen Hof übernehmen können und darf sich diese nicht abnehmen lassen – eine Rolle, die zugleich eine schwere Verpflichtung ist, aber auch den ganzen Stolz des Menschen ausmacht.

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Diese uralten Vorstellungen haben die traditionellen Werte der alemannischen Bauern weit über die Christianisierung hinaus geprägt. Der unbändige Freiheitsdrang, der an Eigenbrödelei grenzende Trotz des Bergbauern, der an seinem „Eigen“ festhält, was immer da kommen möge, der Anspruch, „nie niemanden zu Fragen“, aber auch der Respekt vor dem hart arbeitenden „armen Puurli“ und das Misstrauen gegen alle, die zwar Macht und Reichtum haben, aber „nichts Rechtes“ daraus machen, hat die Schweiz tief geprägt – und sind bis heute nicht verschwunden.

Wer waren die Landgeister, mit denen die Bergbauern Wohl oder Übel zusammenleben mussten? Nächste Woche schauen wir uns das Wesen der Zwerge genauer an. 


Sagenwanderung: Flora Alpine – die Sagen der Sennen
09.07.2017
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Foto: Aschy Walthard

Der Pagan Mountain Man nimmt dich mit auf eine Reise in die Sagenwelt der Berner Oberländer Sennen. Die Sommerweiden, die im Winter den Geistern und im Sommer den Menschen gehören, sind ein mystischer Ort, an dem die Anderswelt unter jedem Stein hervorlugt.

Auf unserer Wanderung begegnen wir einem verwunschenen See, einem Felsblock, der von einer tragischen Geschichte erzählt, und den Wasserfällen des Giessbachs, die heute als Kraftort gelten und früher Schauplatz zahlreicher Sagen waren. Dazwischen haben wir Gelegenheit, die reiche Welt der Blumen und Kräuter der alpinen Wiesen zu bewundern.

Die Wanderung dauert, mit vielen Pausen zum erzählen, schauen und hören, rund sechs Stunden.

Sonntag, 09. Juli 2017

Treffpunkt: Grindelwald, Bahnhof, 09.15
Schlusspunkt: Axalp, 17.15
Reine Marschzeit: 4 h 30, 700 Hm Aufstieg

Programm: Wir fahren mit der Seilbahn nach Grindelwald First und wandern zum Bachalpsee, wo wir eine erste Rast einlegen und den wilden Frauen des Berner Oberlands begegnen. Weiter geht es zum Hagelseeli, wo wir eine stille Meditation machen. Dann über Viehwege zum Handlungsort einer tragischen Hirtensage und schliesslich zum Lütschentälti, wo wir uns mit den Taten des Sennentuntschi beschäftigen. Von dort über bequemen Fahrweg nach Axalp.

Mitbringen: Gute Schuhe, Wettertaugliche Kleidung, Tagesproviant, offene Augen und Ohren.

Teilnehmer: Minimal drei, maximal zehn Personen.

Kosten: Die Seilbahn nach Grindelwald First bezahlt jeder selbst. Für die Vorbereitung der Sagenwanderung bitten wir um einen Unkostenbeitrag von 30  Franken. Versicherung ist Sache der Teilnehmer.

Anmeldung bis 03.07: