Odins wilde Väter (III): Der einäugige Feldherr und die Seherin

IlustratieHANNIBAL

Illustration aus Hannibal ante Portas!

Gallien im ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende. Es sind unruhige Zeiten im Grenzland zu Germanien. Den Römern ist es misslungen, die für sie von undurchdringlichen Wäldern bedeckte Germania jenseits des Rheins zu erobern. Das Imperium leidet unter Instabilität. Und im Norden macht sich Unruhe bereit: Die Bataver haben zu den Waffen gegriffen. Ihr Ziel: Rom zu vertreiben. Und ein Reich zu gründen, dass Gallien und Germanien umfasst. Ihr Anführer: Claudius Civilis.

In einem heiligen Hain hat er seine Krieger unter “barbarischen Riten” verschworen. Er wird begleitet von der Seherin Veleda, die für ihn weissagt, was ihm nützlich ist. Die germanischen Krieger verehren sie wie eine Göttin. Und Civilis spielt gekonnt auf der Klaviatur der religiösen Gefühle. Er habe eine Entstellung zu seinem Markenzeichen gemacht, berichtet man in Rom: Ihm fehlt nämlich ein Auge.

Dies bringt Civilis mit Heldensagen zusammen, die in den seit rund hundert Jahren römisch besetzten Gebieten kursieren. Von Hannibal, dem grössten Feldherrn aller Zeiten, der von Norden her über die Alpen mitten ins römische Reich vorstiess. Ein gottgleicher Krieger, ein einäugiger Feldherr. Aus Angst vor Attentaten verkleidete sich der Karthager ständig, immer war er mit anderen Perücken und Kleidern unterwegs, so dass ihn oft Freunde nicht erkannte. Unter seinen Soldaten machten wohl bald Geschichten die Runde: Ihr Herr, ein Gestaltwandler. Einer, von dem man nie wusste, ob er einen gerade beobachtete. Der Stoff, aus dem Mythen gemacht sind.

Hundert Jahre vor Civilis hatte sich ein anderer Rebell gegen Rom auf den einäugigen Südländer berufen, Quintus Sertorius, der “zweite Hannibal”, der im fernen Iberien den Aufstand probte, umgeben von tausenden von keltischen Kriegern, die sich nur ihm verschworen hatten, die ihn verehrten wie einen Gott. Auch er war einäugig und zugleich ein religiöser Führer: Er stand unter dem Schutz der Diana, die ihm eine weisse Hindin geschickt hatte, mit der er in die Schlacht zog. Sie gab ihm an, ob ihn den Sieg erwartete, und wenn dies der Fall war, schleuderte er seinen Speer gegen die Reihen der Feinde.

Es waren instabile Zeiten in Germanien. Die römische Expansion hatte die Stämme aus ihrer jahrhundertelangen Isolation gerissen. Hatten sie zuvor als Viehzüchter gelebt, die ihre Stammesangelegenheiten an Volksversammlungen regelten, waren sie nun zu Nachbarn eines ständig von inneren Konflikten zerrissenen Imperiums geworden. Die jungen Männer lockte die Aussicht auf Gold, Abenteuer, Wein und die Körper junger Frauen: All dies war zu haben, wenn man sich einem der durch Gallien marodierenden Heerführer anschloss. Was für eine Aussicht, verglichen mit dem Leben auf dem Hof, bei Haferbrei und saurem Bier. Die Heerführer versorgten ihre Gefolgschaft ständig mit Geschenken, um sie bei der Stange zu halten. Der Krieg musste den Krieg ernähren, und die biederen Bauerngesellschaften Germaniens begannen, zu zerbrechen.

Etwas neues entstand, und dieses Neue war grausam. Und es brauchte einen neuen Kult, eine Religion, die die aus den verschiedensten Stammeskulten zusammengetriebenen, oft noch kaum ausgewachsenen jungen Burschen in der Fremde zusammenhielt. Einen Gott, der die ungewisse Zukunft kannte, wie der einäugige Civilis, der sein geheimes Wissen von einer göttlichen Seherin erhielt, einen, der den Erfolg in der Schlacht garantieren konnte, wie der speerschleudernde Sertorius, einen, der die Jungen im Tode aufnahm, wenn sie fern von den Ahnenhügeln ihrer Heimat waren.

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Die Verschwörung des Claudius Civilis, Rembrandt

Rund tausend Jahre später beschreiben Dichter im fernen Island einen solchen Gott. Óðinn, der in der mit Schilden geschindelten Valhöll die erschlagenen Krieger bewirten lässt wie ein Heerführer sein Gefolge. Der sein Wissen einer geheimen, göttlichen Inspiration verdankt: Er war zu Besuch bei der Riesentochter Gunnlöð, wo er ihre Umarmung und ihren Met der Weisheit genoss. Er hing am Baum der Nornir und erlernte die Geheimnisse der Runen, er war weit gereist und wechselte ständig seine Gestalt, seine Raben und Wölfe sahen und hörten alles, und in der Schlacht schleuderte er den Speer über die Feinde wie über ein Opfer, so, wie es die Feldherren seit Sertorius taten. Odin erscheint wie ein Abbild eines germanischen Warlords der Römerzeit. Liegen seine Ursprünge in dieser Zeit, in diesem Milieu?

Der gallische Merkur

Von den Römern wissen wir, dass die Germanen damals den Merkur verehrten. Damit war weniger der römische Gott des Handels gemeint, als vielmehr die mächtige Gottheit, die damals überall in Gallien verehrt wurde. In vorrömischer Zeit nannte man ihn Esus, ein Name, der “Herr der Wut” oder aber “der schreckliche Herr” bedeuten könnte. Man bildete ihn oft mit einem Baum, Kranichen und einem Stier ab, und gemäss den Berner Scholien wurden ihm zu Ehren Verwundete in Bäume gehängt und so geopfert. Wir erinnern uns: Beim Trayambakahoma wurden die Gaben für Rudra in einen Baum gehängt. Und über tausend Jahre nachdem die Scholien niedergeschrieben wurden, erscheint im Norden Óðinn als Hangatýr, als Hänge-Gott, der selbst neun Tage und neun Nächte verwundet in einem Baum gehangen und so die Runen entdeckt haben soll.

Dieser Esus wurde oft von einer weiblichen Gefährtin und einer widderköpfigen Schlange begleitet. Längliche Formen auf seinen Bildern könnte man als Blätter von Misteln interpretieren, teilweise scheinen sie aber auch ein Hirschgeweih anzudeuten. Überhaupt scheint Esus mit dem geweihtragenden keltischen Gott, der allgemein als Cernunnos bezeichnet wird, identisch zu sein. Dieser erscheint oft wie der indische Rudra in einer Haltung, die dem Lotussitz nicht unähnlich sieht und war wohl ein Herr der Wildnis und der wilden Tiere.

Der Kult des gallischen Merkus fand oft auf bergigen Anhöhen statt, wo er bisweilen mit dem Vosegus, dem Gott der Vogesen, und dem Silvanus zu verschmelzen scheint. In der Auvergne hatte man ihm auf dem erloschenen Vulkankegel Puy-de-Dôme eine Statue errichtet, 30 Meter hoch, dort thronte sie über dem Land wie der Odhin der nordischen Sage auf seinem Hochsitz Hliðskjálf.

Der Koloss machte derartigen Eindruck, dass man den Stammesgott der Averner als Merkur Avernus selbst im Hinterland der Treverer verehrte. Eine Statue, die heute im archäologischen Museum in Strasbourg ausgestellt wird, zeigt den gallischen Merkur mit einem offenen und einem geschlossenen Auge – tausend Jahre später sollte man sich in Irland erzählen, dass der Götterkönig Lugh vor der Schlacht ein Auge zukniff, um auf magische Weise den Sieg zu erlangen. Manchmal taucht auf seinen Abbildungen auch ein Widder auf, den er bisweilen sogar reitet. Überhaupt ist er im Gegensatz zum jugendlichen Merkur oft ein alter, bärtiger Mann, der mit Hut und einheimischer Tracht erscheint.

Der Gott der weisen Frauen

Seine wichtigste Begleiterin ist eine weibliche Gottheit. Seine Abbilder wurden oft in der Nähe von Kultstätten der Mütter, der Matronae gefunden. Diese waren weibliche Schutzgottheiten, die mit dem Land, der Fruchtbarkeit, aber auch dem Krieg und dem Schicksal in Verbindung standen. Bevor die Kriegergesellschaften die alte germanische Stammesorganisation gesprengt hatten, hatten die Matronen wohl eine menschliche Entsprechung in den alten Stammmüttern, die für die Weissagung zuständig waren. So hatte Ariovist, der 56 v. Christus vor Mulhouse gegen Caesar antrat, noch keine Seherin bei sich: Er holte sich seinen Rat bei den Müttern des Stammes – die ihm zunächst weissagten, dass die Zeit für die Entscheidungsschlacht noch nicht gekommen sei. Bei Civilis, der ein multikulturelles Reich anstrebte und Männer aus verschiedensten Stämmen anführte, war die eine Seherin an die Stelle der Stammesmütter getreten. Dasselbe scheint den göttlichen Matronae widerfahren zu sein. Am häufigsten tritt der gallische Merkur nämlich nicht mit den Müttern, sondern mit einer geheimnisvollen Göttin auf: Rosmerta.

Diese erscheint, wie die Mütter, als Göttin von Fruchtbarkeit und Schicksal, sie verteilt Geschenke, trägt einen Stab wie die Seherinnen der Germanen. Der gallische Merkur erscheint so als Ehemann sowohl der Stammmütter als auch der einen Göttin der Fülle und des Schicksals. Dies dürfte den Verhältnissen in der Kriegergefolgschaft entsprochen haben: Es ist anzunehmen, dass die Seherin, die den Kriegsherrn begleitete und wie eine Göttin verehrt wurde, für die oft blutjungen Soldaten eine mütterliche Funktion übernahm. Rosmerta, die Anstelle der Matronae getreten war, wurde zu ihrem Ebenbild.

Der gallische Merkur und seine Gefährtin hinterliess in den keltischen Gesellschaften einen bleibenden Eindruck. Noch ein Jahrtausend nach den letzten gallischen Aufständen erscheint der listenreiche Kriegsherr und seine göttliche Inspiration in den altirischen Texten. Ihr grosser Held ist Lugh, der ganz dem gallischen Merkur entspricht. Ein Lugus wurde schon in Gallien verehrt, so ist etwa Lyon, das ehemalige Lugdunum, nach ihm benannt. Wie der Mercurius Avernus war er eine Stammesgottheit, ganze Völkerschaften benannten sich nach ihm, von den Lugones in Asturien bis zu den Lougi in Schottland.

In der irischen Überlieferung ist er ein Mischling: Er ist zur Hälfte vom Göttergeschlecht der Tuatha Dé Danan, zur Hälfte von deren Erzfeinden, den riesenhaften Fomoriern. Er ist ein Meister aller Künste, ein Schreiner, ein Schmied, ein “starker Mann”, ein Harfner, ein Dichter, ein Held, ein Geschichtsgelehrter, ein Magier, ein Arzt, ein Mundschenk und ein Bronzeschmied. Darin findet sich ein Widerhall der handwerklichen Tätigkeiten, die in den galloromanischen Statuen und Inschriften für Mercurius häufig anzutreffen sind: Der gallische Merkur hatte diese Züge von seinem römischen Namensgeber übernommen, der in der Provinz als Schutzherr nicht nur der Händler, sondern aller Geschäftigen verstanden wurde. Die wichtigste Rolle Lughs ist aber eine andere: Er ist der göttliche Feldherr, der grosse Anführer in der Schlacht von Mag Tuired, in der die Tuatha Dé Danan gegen die Fomorier, die Götter gegen ihre Feinde, antraten. Er gewann die Schlacht durch Magie: Auf einem Fuss tänzelnd, das eine Auge geschlossen, Zaubersprüche intonierend umschritt er vor dem Zusammenprall der Krieger sein Heer.

Er war auch der Vater des legendären Helden Cúchulainn, der in anderen Quellen gar als seine Wiedergeburt erscheint. In Cúchulainn ist die ganze Wildheit indogermanischer Kriegerkultur verewigt. Er wird in der Schlacht von einer enormen Wut erfasst, die sein Gesicht so verzerrt, dass sein eines Auge verschwindet und man in seinem Rachen die Lungenflügel flattern sieht. Die Wut ist derart gefährlich, dass er nach der Schlacht erst durch den Anblick weiblicher Brüste abgelenkt und danach in Wasserfässern gekühlt werden muss, um nicht den eigenen Leuten gefährlich zu werden: Das erste zerbirst sogleich, das zweite kocht auf, erst das dritte wird nur noch warm, und erst dann ist Cúchulainns Zorn verflogen.

Wie die gallischen Warlords hat auch Cúchulainn eine schicksalshafte Beziehung zu göttlichen, weiblichen Mächten. Er erlernt seine Kampfkunst nämlich nicht bei einem Mann, sondern bei der “Schattenhaften”, der Berggöttin Scáthach, die ihm auch sein Schicksal verkündet. Sie wohnt in den Alpen, der Weg zu ihr wird von einem löwenartigen Tier bewacht, eine unbegehbare Brücke trennt ihre Burg von der Welt der Sterblichen. Natürlich meistert Cúchulainn alle diese Herausforderungen in kürzester Zeit und wird von Scathach mit der “Freundschaft ihrer Schenkel” empfangen. Weniger Glück hat Cúchulainn mit einer anderen Göttin: Der dunklen Morrígan. Nachdem er ein sexuelles Angebot zurückgewiesen hat, verfolgt sie ihn auf eine schicksalshafte Weise und führt schliesslich seinen Tod herbei.

Die Vorstellung, dass sich die Weisheit, das Schlachtenglück und die Souveränität des Anführers aus dem Schoss einer göttlichen Frau speiste, war in Irland zentral. Dies zeigt sich schon in einer der ältesten Geschichten Irlands, jener vom König Conn Céthathach. Er wird bei dichtem Nebel von einem Mann zu einem goldenen Baum mitgenommen. Dort zeigt sich ihm eine Frau, die auf einem Thron aus Kristall sitzt und eine goldene Krone trägt. Vor ihr steht ein silberner Kessel mit goldenen Trinkhörnern. In einem Hochsitz ruht Lugh selbst, der aus dem Reich der Toten gekommen ist, um Conn mitzuteilen, wie lange er und seine Nachkommen Tara regieren würden. Die Frau wird Flaith Érenn genannt – der rätselhafte Name Flaith bedeutet sowohl Ale als auch Souveränität. Sie füllt einen Becher mit rotem Flaith und fragt, wem sie es reichen solle, worauf Lugh alle Prinzen nennt, die nach Conn regieren sollen. Jeder König, so der Glaube der Iren, musste von dem roten Flaith kosten, und wurde so erst durch die Darreichung der Göttin zum König.

Wir finden dieses Motiv auch beim nordischen Óðinn: Hier ist es Gunnlöð (der Name Löð entspricht dem irischen Flaith), die ihm den Trunk reicht und und ihn zum Geschlechtsverkehr empfängt. Zwar berichtet der isländische Dichter Snorri in einer abenteuerlichen Geschichte, wie Óðinn den Met Óðrœrir unter Anwendung allerlei Listen und Verführungskünste gestohlen habe, das ältere Hávamál spricht aber eine andere Sprache: Hier sitzt Gunnlöð wie Flaith Erenn auf einem Hochsitz und reicht ihm feierlich den “teuren Met”, worauf Óðinn offenbar einen feierlichen Eid schwört und mit Gunnlöð Sex zu haben scheint.

Wir finden hier die Spuren eines uralten Gefolgschaftsrituals, das für die Kriegergesellschaften der Antike zentral war. Die Bedeutung, die das gemeinsame Trinkfest bei den Galliern hatte, wird von der Archäologie bestätigt: Könige wurden mit riesigen Kesseln voll frisch gebrauten Met beerdigt, Frauen mit Trinkhörnern und Seihsieben erhielten spezielle Begräbnisse, die von ihrem Rang künden. In seiner Untersuchung “The lady with the mead cup” hat der Mediävist Andrew Enright die Bedeutung dieses Rituals rekonstruiert: Indem sie dem Anführer das Trinkhorn reichte, bestätigte die Frau dessen Rolle als “Vater” der Wahlverwandtschaft, dessen Souveranität. Indem sie in der Folge jedem Gefolgsmann nach absteigender Rangfolge denselben Trank anbot, wies sie jedem seinen Platz in der von Kämpfen um Prestige und Erfolg geprägten Waffenbruderschaft zu. Der Trunk, und die Frau selbst, hatten hier eine religiöse Rolle.

So wie der einäugige Gott ein Ebenbild des Anführers war, entsprach die Rolle seiner Seherin und Mundschenken jener der Rosmerta: Wie einst die Mütter gibt sie mit dem Trunk zugleich das Schicksal – das in einer Kriegergefolgschaft oft genug gleichbedeutend war mit dem Platz, den man in der Hackordnung und damit auf dem Schlachtfeld hatte.

Von der Wildnis ins Zentrum der Macht – und zurück

Es war das Milieu eines Civilis, der Verehrung von Mercurius und Rosmerta, indem der germanische Wodin die Form annahm, unter der er später in der altskandinavischen Literatur erscheint. Ursprünglich war er in Germanien, wie früher auch in Gallien, ein Gott der Wälder, der Wildnis, der Zauberei, nicht unähnlich dem Veles der Russen und dem Velinas der den Germanen benachbarten Balten. Er war aber auch, und darin liegt die Antwort auf die Frage, wie aus einem Herrn der Wildnis wie Rudra ein König der Götter werden konnte, ein Gott der Initiation in der Wildnis, und damit der Herr der jugendlichen, kultischen Männerbünde, die im Nachtbubenwesen und in Bräuchen wie dem skandinavischen Julebukk bis in die Neuzeit hinein überlebt haben.

Es waren diese jugendlichen Kriegerbünde, aus denen die Feldherren Galliens in ihren Kämpfen für und gegen Rom ihre Soldaten rekrutierten. Und es war ihr Gott, den sie zu dem ihren machten: Aus dem fürchterlichen Anführer der wilden Jagd wurde das göttliche Ebenbild des Feldherrn, dessen Bild von verehrten Heerführern wie Hannibal und Quintus Sertorius geprägt worden war. Dieses liess sich leicht mit ursprünglichen, indogermanischen Zügen des Wilden verbinden: Die Einäugigkeit, die Vielgestaltigkeit, die Verbindung zur Zauberei, die besondere Beziehung zu weiblichen Gottheiten der Fülle und des Schicksals – es war alles schon da und konnte von den gallischen Warlords geschickt propagandistisch ausgeschlachtet werden. Es ist diese besondere Form, in der die Mythen in der skaldischen Überlieferung Skandinaviens bis ins Hochmittelalter hinein lebendig geblieben sind.

Die Kelten hatten diese Entwicklung früh durchgemacht, die Germanen später und schneller. Das “gallische” Bild Wodans blieb Sache der Kriegergefolgschaften und ihrer Unterhalter,den Skalden. In literarischer Form überlebte das Milieu der römerzeitlichen Warlords so bis ins mittelalterliche Skandinavien. Im Volksglauben hinterliess es dagegen kaum Spuren. Und so trägt der Óðinn der nordischen Literatur alle Züge des gallischen Merkurs – der Oden der skandinavischen Volksüberlieferung ist aber ebenso der alte geblieben wie der norddeutsche Wode – oder das Schweizer Wuotinsheer, das C.G. Jung 1924 im Turm von Bollingen begegnete.

Bereits erschienen:

Odins wilde Väter I: Ein Gespenst aus Luzern
Odins wilde Väter II: Der Herr der Wildnis

Literatur

Enright, Andrew: Lady with a Mead Cup: Ritual, Prophecy and Lordship in the European Warband from La Tene to the Viking Age
Gunnell, Terry: From One High One to Another: The Acceptance of Óðinn as Preparation for God
Jakobsóttir, Svava: Gunnlöð and the Precious Mead. In: Paul Acker and Carolyne Larrington (edit): The Poetic Edda. Essays on Old Norse Mythology. 

Die Stimme im Wald

DSCN5213Es war schon spät, als der Simon vom Baumann-Hof in Latzfons vom Markt in Klausen heimritt. Er war müde, und ob er ein bisschen viel Wein gehabt hatte, weiss man nicht mehr. Aber als er zuhause ankam, war er seltsam bedrückt. Es war, als ob da draussen, auf dem Weg vom lustigen Treiben, irgendetwas geschehen sei. Doch der Simon mochte nichts sagen.

Die ganze Nacht hörte man, wie er sich in seinem Bett wälzte. Er fand keinen Schlaf. Auch am Morgen sagte er kein Wort. Erst nach dem Mittagsgebet konnte sich der Junge nicht mehr zurückhalten.

Es sei auf dem Heimweg gewesen, sagte er. Da habe er eine Stimme gehört, von weit her und doch ganz nah. Was sie denn gesagt habe, wollte die Magd wissen, deren Namen keiner kannte, und von der man munkelte, dass sie etwas anderes, etwas besonderes sei.
Im Tinnetal sei es gewesen, hinter dem Petererhof bei Ried, murkste der Junge. Ja, aber was denn die Stimme gesagt habe? Aus dem Sattel gesprungen sei er, ganz genau hingehört habe er, und beim .. Was? Was die Stimme gesagt habe! Ganz genau habe er es vernommen.

“Simmele, Simmele
mit deinem Schimmele,
sage dem Wellele
s’ Willele isch g’schtorbn.”

Die Magd wurde kreidebleich. Sprang vom Tisch auf. Rannte davon, man hörte sie weinen. Und sah sie nie wieder.

An diesem traurigen Mittag habe sie ihren eigenen Namen gehört, sagte man im Dorf. Und niemand darf wissen, wie die Saligen heissen, niemand ihren Namen aussprechen. Denn sonst müssen sie in den Wald zurück, in die Felsen und Bäume, in ihr verborgenes Reich.

Frei nach Lucillo Merci, Volkssagen aus Südtirol. 

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Die Ameisen

IMG_4010Ich mag die Hitze. Die grosse  Decke, die sich flimmernd über Felder und Wälder legt. Die Luft, die nun schwer ist wie warmes Wasser. Das Wechselbad in den Bäumen, die glutheissen Kalksteine, die Aufwinde von den Südseiten, der Schatten unter den Eiben. Wie mich die Wärme durchdringt, alles in Watte packt, wie die Gedanken langsamer werden und der Körper schwerer. Das Flirren der Farben, die Blüten zwischen dem trockenen Geröll. Der schwere Duft von Harz in den Föhren, das milchige Grün der Mehlbäume. Das Krabbeln und Surren der Insekten, die Eidechsen, die man manchmal in den Steinen sieht. Dann wird mir alles zum Traum, ich schleiche durch Farben, Lüfte, Wärmen.

Es ist ein solcher Tag, als ich unter einer Föhre sitze, die Schuhe ausgezogen, und einfach bin. Ich sitze und warte auf nichts. Jeder Atemzug ist eine Epoche für sich, voller Gedanken und Bilder, die beim nächsten Atemzug verschwinden und verblassen, neuen Platz machen. Sie ziehen an mir vorbei, und ich betrachte sie nicht gross. Ich atme ein, ich atme aus, sonst nichts. Und dann kommt die Ameise.

Ich habe ihr wohl den Platz streitig gemacht. Langsam krabbelt sie über meinen nackten Fuss. Sie belässt es nicht dabei. Bald spüre ich ein stechen und brennen. Die Muskeln ziehen sich unwillkürlich zusammen. Hinter dem Ohr krabbelt jetzt ein Käfer, und dann kommen mehr Ameisen. Ich atme ein und atme aus. Das Stechen und Brennen nimmt zu. Ich nehme mir vor, nicht mehr zusammenzucken. Und jedes Mal, wenn der kleine Schmerz aufscheint, lege ich meine Kraft in ihn hinein. Bin ganz da, wo die Ameise beisst, und aus dem Schmerz wird Bewusstsein. Ich zucke nicht mehr. Sollen sie kommen, ich atme, ein und aus, und um mich ist grün, ich kann es durch die Augenlider sehen. Und ich sitze wie der Baum auf seinem Felsen, unter einer dicken, wulstigen Borke, in mir steigen Säfte und Kräfte, und nichts bringt mich hier aus der Ruhe.

Als ich das Zeichen zum Zurückkehren wahrnehme, sind die Ameisen vergessen. Und ich war eins mit etwas wildem, warmem, grünem, mit dem Baum über mir, dem Wald um mich, und vielleicht für einen Augenblick ganz nahe an dem, der am längsten sitzen kann von allen: Dem Herrn der Wildnis. Ich bin ihnen dankbar, den Ameisen.

Haseln, Feuer, Widderhörner: Ásatrú am Gletscherbach

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Über Jahrtausende verehrten die Menschen die Wesen des Landes. Hatte man im Leben mit Schwierigem zu kämpfen, ging man zu den heiligen Steinen, Bäumen und Wasserfällen, dort waren Mächte, die alles wieder gut machen konnten.

Doch da war noch etwas anderes. Bevor die Missionare den Urwald nördlich der Alpen durchstreiften, verehrte man hier wie anderswo auch gewaltige Kräfte des Himmels: “Mit dem Namen von Göttern benennen sie jenes grosse Geheimnis, dass sie nur in frommer Verehrung schauen”, beschreibt Tacitus das religiöse Erlebnis der Menschen nördlich der Alpen. Und einer dieser Namen war besonders heilig: Der Donner.

Ein Bild des Donnerers sei in der Mitte zwischen zwei anderen Göttern gestanden, berichtet Adam von Bremen über den heidnischen Tempel in Uppsala: “Thor hat den Vorsitz in der Luft, er lenkt Donner und Blitz, gibt Wind und Regen, heiteres Wetter und Fruchtbarkeit. […] Wenn Pest und Hungersnot drohen, wird dem Götzen Thor geopfert.”

Eroberer der Herden, Schützer der Saat

Bei den Saamen, ganz hoch im Norden, hat sich diese Verehrung bis ins 17. Jahrhundert gehalten. Horagalles, “Thor-Kerl”, nannte man in ihn dort. Während man die Wesen des Landes, die “Storjunkare”, an wilden Orten verehrte, an Steinen, Seen und auf Bergen, war sein Heiligtum in der Nähe der Hütten. Es war ein eingehegter Ort, dort stand ein Gestell aus Birkenstämmen, darauf Geweihe von geopferten Rentieren und der Donnerer selbst: Ein grob zugehauener Wurzelstock, einen Nagel im Kopf, daran eine Kette mit einem Feuerstein. Ein Rentier wurde hier geschlachtet, Blut und Fett auf die hölzerne Gestalt und das Gestell gestrichen. Man tat dies selten, und nur, wenn es um grosse und wichtige Dinge ging – alles andere wäre despektierlich gewesen. So war es auch bei den isländischen Heiden 700 Jahre zuvor: Man habe Þórr nur angerufen, wenn es um die Seefahrt und “Belange von allerhöchster Wichtigkeit” ging, berichtet das Landnámabók.

Der Donnerer war bei den meisten indogermanischen Stämmen der wichtigste Gott, und sie nahmen ihn mit, wohin sie gingen. In Indien war er der mächtige Indra, ein rotbärtiger Brüller, der den dämonischen Pani das Vieh raubte, das doch eigentlich den Göttern gehörte. Am Mittelmeer, wo die Gewitter mächtig sind und die Wolken manchmal wie ein Götterthron in den Himmel steigen, war er Zeus und Iupiter, der Wolkensammler und Weltenlenker, der oberste der Götter. Im Osten war er Perun, der Schläger, der sein Volk gegen Feinde verteidigte und im ewigen Widerstreit mit dem unheimlichen Veles lag, der in der Wildnis hauste und Zauberei betrieb. Jeden Frühling wartete man auf den ersten Donner, erst dann bestellte man das Feld: Nun war es vom Donnerer geheiligt. Die Gallier nannten ihn Taranis, sein Zeichen war das Rad, das er durch den Himmel schleuderte wenn es blitzte, und die Kelten der britischen Inseln nannten ihn Dagda, den guten Gott. Wie der Herkules, den die Alemannen laut den Römern ganz besonders verehrten, hatte er eine mächtige Keule, mit der er töten und zum Leben erwecken konnte, und einen riesigen Appetit: Er verspies gallonenweise Brei und gebratene Ochsen, und er allein war in der Lage, die fürchterliche Morrígan mit seiner gewaltigen Manneskraft zu besänftigen, als sie breitbeinig über dem Fluss Unius stand, um sich zu waschen.

Es sind alles Geschichten, die uns bekannt vorkommen, denn sie finden sich auch in der isländischen Literatur, wo die Abenteuer des Þórr beschrieben sind – des wohl beliebtesten Gottes des alten Nordens. Seine Kraft wurde Ásmegin genannt, Ansenkraft. Die Ansis waren laut dem Goten Jordanes die Mächte, die sein Volk verehrte: “Nicht blosse Menschen, sondern Halbgötter”. Ihr Name, altnordisch æsir, ist indogermanisch und bedeutet soviel wie Lebenskraft. Þórr war damit der ǫ́ss, der Ans schlechthin. Einer seiner Beinamen war denn auch  Ásabragr – man könnte es etwas blumig übersetzen als “Perle der Lebenskraft.”

Die Banden der Welt

 Bönd, Banden – fester Rand, feste Einfassung einer Fläche –  so nannte man diese Mächte im alten Norden, und mir scheint dieser Name treffender als das exotische Wort “Götter”. Sie sind die geheimnisvollen Kräfte, die in allem wirken und die Welt zusammenhalten.  Régis Boyer hat es in seinem Buch “Yggdrasil – la religion des anciens scandinaves” treffend beschrieben:

“…Kräfte, die das Universum dirigieren, das Leben regieren und seinen Fortbestand sichern. Sie sind, vor allem anderen, die Garanten gewisser Werte, die für den Menschen fundamental sind: Das Gesetz, die Ordnung, das gegebene Wort, die Gemeinschaft der Freien, das heisst jene, die die ungehinderte Ausübung der Freiheit zulässt. Was man von ihnen erwartet, was sie geben? Die Fähigkeit, die Welt zu nehmen, wie sie ist, ohne ihre Geheimnisse durchdringen oder ihr Gesicht verändern zu wollen, das Glück, vor allem jenes, dass es einem ermöglicht, in einer schwierigen Situation zu bestehen, und die nötige Kraft, um das zu erreichen, was Corneille “Gloire” genannt hätte: Die Reputation, der Ruhm, allein in der Lage, den Tod zu überdauern. Sie sind mit den Menschen vereint, um gegen das Chaos zu kämpfen und um dem allmächtigen Schicksal zu erlauben, im Menschen zu wohnen, ihm die Kraft zu geben, das Leben zu lieben und weiterzugeben.”

Diese himmlischen Mächte wurden immer auf eine andere Weise verehrt als die Wesen des Landes. Während man diese an runden Heiligtümern, an Wasserfällen und Bäumen vermutete, war der Platz der Banden eine Einhegung oder eine Insel. Die Umzäunung waren oft rechteckig und streng nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Der wichtigste Unterschied war aber, dass man die Banden mit Feuer ehrte, während dieses Element den Landgeistern ein Gräuel war. Die Verehrung der Banden gehörte in den umhegten Bezirk, der zugleich das “Land” im Sinne von Kulturland und die ganze bewohnte Welt war. Denn sie sind Mächte der Menschen ebenso wie sie Mächte des Himmels. Das ist, weil der Mensch den Sternenhimmel und der Lauf der Sonne erkennen kann. Und damit immer auch zu etwas gehört, das über dem Land und der Welt ist, und dieses etwas glüht in ihm wie ein Stern in der endlosen Kälte des Alls.

Während die Landgeister oft zwiespältige Kräfte sind, war der ǫ́ss die Kraft, in die man volles Vertrauen hatte. Wäre Horagalles nicht, die Welt würde von den Trollen zerstört, glaubten die Saami. Und sie glaubten auch, dass der Blitz bisweilen selbst in die Seidie, den Sitz der Landgeister schlug. Wo der Frieden mit den Wesen des Landes brach, wo sie drohten, in all ihrer Wildheit wieder Besitz von ihrem Land zu nehmen, war der grosse rote Streiter der einzige, der helfen konnte. Man rief ihn deshalb um Beistand gegen die wilden Kräfte des Landes an – dieselben Kräfte, die man um Jahr und Frieden bat.

Bei der Eberesche

Wer auf einem Schiff hinaus in die arktische Wildnis fährt, wer mit Pickel und Steigeisen in die Welt der Gletscher und Felsen vordringt, kann etwas Schutz vor den unbändigen Kräften der Wildnis immer gut gebrauchen. Und so geben wir einmal im Jahr Brot und Fleisch und Fett ins Feuer und sehen zu, wie der Rauch in den Himmel steigt, so wie es Menschen schon vor viertausend Jahren am Fuss des Hindukusch machten – und zum Teil heute noch tun. Wir machen es, wenn in den Bergen die Beeren der Eberesche rot geworden sind. Þórrs Rettung heisst dieser Baum in der altnordischen Literatur, weil dieser sich einst an einem ihrer Zweige aus den wütenden Fluten eines Gletscherbachs gezogen haben soll. Dort, am graublauen Wasser aus dem Eis, wächst sie am liebsten. Dort gehen wir einmal im Jahr hin, um die schiere Lebenskraft zu feiern – und die Mächte, die die Welt zusammenhalten.

Und so machen wir alles so, wie man es früher einmal tat: Wir tragen eine Wurzel mit einem Nagel und einem Feuerstein über ein abgeweidetes Feld, lassen die Widderhörner laut durch das Tal klingen wie vorzeitliche Luren, stecken mit Haseln ein Rechteck aus, und setzen den Holzgott, so hiess er in Lappland, auf ein  Gestell aus Ästen. Wir binden uns die Hände, wenn wir die Einhegung betreten, wie einst die Semnonen. Wir entzünden ein Feuer und knien so, wie es eine Statue eines betenden Germanen aus der Römerzeit zeigt.

Wir geben Brot und Fleisch in das Feuer, wie es vom Heiligtum des Þórr im Gudbrandsdalen überliefert ist, beschmieren die Haselstecken, den Holzklotz und unsere Gesichter mit mit Ocker gerötetem Schmalz, so wie man es einst mit dem Blut der Opfertiere tat. Und wir singen ein Gedicht in unserer alten, eigenen Sprache, sowie es alle indogermanischen Völker taten vom Island bis zum Hindukusch, denn was anderen Statuen und Tempel, war ihnen das gebundene Wort.

GLITZMISCHD UBER AACH UND GIRMSCH
TONISCHD TEIFF DIR DS TOOSSEND TAL
RÄGEN FIERSCHD DIR DS RÜÜSCHEND LAND
DER HIMEL BRINND DER HAGEL SCHLAAD

ES BRIELED DS FEE ES PÄÄGGEN D BEKK
ES TREIPFED SCHWEISS I TROCHNEN HÄÄRD
ES WEIGGEN GEID DIR DS EICHENLOUB
ES TRIKKD ES GRIENN DIR STEIN U STOUB

TONNDER, TONNDER HILF!

(Du blitzt über Gletscherfluss und Eberesche, donnerst tief durch das tosende Tal, Regen führst du durch das rauschende Land, der Himmel brennt, der Hagel schlägt, es brüllt das Vieh es brüllen die Böcke, es tropft der Schweiss in die trockene Erde, ein Wiegen geht durch das Eichenlaub, es drückt ein Grün durch Stein und Staub, Donar, Donar, hilf!)

Wenn der Mond nach den Hundstagen voll wird, ist es soweit: Umgeben von Bergen rufen wir den Himmel – weil Menschen das immer so getan haben. Weil wir glauben, dass wir nicht alles sind, dass etwas grösser ist als wir, und dass es uns gut ansteht, diese mächtigen Kräfte zu ehren – mit Liedern und Hörnern und Brot und Fleisch und Schmalz.

„Und doch ist alles Spiel. Aber das Spiel kann sich (…) auf Höhen erheben, die den blossen Ernst weit unter sich lassen. Das Kind, das mit voller Hingabe spielt, weiss doch, dass es spielt; der Geiger erlebt heiligste Erregung, erlebt eine Welt ausserhalb und über der gewöhnlichen, und doch bleibt sein Tun ein Spiel, ein bewusstes Spiel. So, in Ernst und Hingabe, in voller Ekstase, und doch mit dem Bewusstsein, dass es Spiel sei, so müssen wir uns das religiöse Erlebnis (…) denken.“
Karl Meuli

Von Ort zu Ort

IMG_4088.JPGEs gibt viele Orte in diesem Wald. Keiner ist wie der andere. Unten der Unzengraben, feucht und schattig ist es hier, noch vor einem Monat entdeckte ich hier Frost. Das Unterholz ist dicht, alles ist grün, wie in einem Dschungel, man ist hier tief drinnen in der feuchten Erde. Weiter oben das Gegenteil. Felsen im Sonnenlicht, ein lichter Wald. Föhren und Gras dazwischen, viel Stechpalm. Wir liegen unter laubbehangenen Ästen, ein leiser Wind streicht durch die Bäume, ich blicke in den Himmel und sehe nur grün und blau.

Schon einige Jahre ist es her, da lag ich an einem anderen besonderen Ort genau so unter den Bäumen. Ich war krank, sehr krank , von innen heraus, und müde vom Leben. Da lag ich, und im Wiegen der Äste war eine Stimme und ein Gesicht. Es war ein Mann mit einem goldenen Bart, er wisperte: “Komm zurück. Komm zurück.” Er nannte sich Silvan, und als ich erwachte, wusste ich, dass dieser Traum kein gewöhnlicher war.

Nun sind wir also hier, auf einem anderen Berg in den gleichen Bergen, und ich denke an ihn. Dieser Wald ist sein Heim. Und ich bin zu ihm zurückgekommen.

TQPC8254.jpgDann ein Feuer, wo die Flaumeichen sind und ein Herd aus Kalkstein steht. Orchideen wachsen hier, Eidechsen tummeln sich. Man wähnt sich am Mittelmeer, man wähnt sich an einem Ort der Faune. Darunter die rote Grube, der Stein feurig vom Erz. Schotterflächen, Dorngewächse, eine Hitze, die vom Boden aufwallt und vom Süden erzählt. Und weiter hinten, wo der Wald schattig ist und das Licht sich Wege durch die Baumkronen sucht wie durch die Säulenhalle einer Kathedrale, die Wilzensteinlinde. Jahrhunderte steht sie wohl schon hier, stirbt, treibt aus, trägt mittlerweile ihren eigenen Wald. Ein Raunen umgibt sie. Sie ist eine Göttin.

Und so haben wir fünf Wälder gesehen, fünf Orte, an einem Tag. Mit offenen Augen und wachen Sinnen. Wir waren – wieder einmal – bei den Wesen des Landes.

Halbwild

IMG_3992Der Fels ist trocken und griffig. Es ist ein herrlicher Morgen, die Vögel zwitschern im noch milden Licht. Weit unten hört man die Simme rauschen. Ich bin mitten in der Felswand darüber. Rabenland, Adlerland. Es riecht nach Nadeln und Erde. Und ich bin frei.

Ich setze die Schritte schnell, gehe wie ein wildes Tier. Ich sehe, höre, bewege mich, konzentriere mich auf den Fuss, die Hand, die gerade die Erde berührt. Tief drinnen bin ich ganz leer. Die Bewegungen gehen wie von allein. Ich bin wild, hier draussen.

Und doch weiss ich, dass mich zuhause ein gemütliches Heim, eine liebende Frau erwartet. Dass mein Platz doch bei den Menschen ist. Wenn ich das vergesse, gehe ich verloren. Denn nur die Verdammten bleiben für immer an den wilden Orten.

Die Wildererspeise

596735_1_galleryteaser_der-wilderer-romantik-wie-auf-diesem-alten-druck-festgehalten-und-auch-in-der-literatur-beschworen-koennen-heute-weder-jaeger-noHeutzutage mag man der Wildererei kaum mehr etwas abgewinnen. Man denkt an die Jagd auf geschützte Tierarten, Elfenbeinschmuggel, illegale Abschüsse von Raubtieren.

Doch in den Alpen hat die Wildererei auch noch eine andere Tradition. Im 19. Jahrhundert war sie ein Weg, arme Familien durchzufüttern. Sie war auch eine soziale Rebellion gegen das immer noch feudale Jagdrecht in den bayrischen und österreichischen Alpen. So fasst es der grosse Soziologe Roland Girtler in seinem Buch Wilderer – Rebellen in den Bergen zusammen. Und weil Girtler immer ein volksnaher Soziologe war, hat er dazu gleich ein Wildererkochbuch veröffentlicht – mit Durchschuss. Und darin findet sich unter anderem das Rezept für die “Jennerwein-Nocken.” Es ist das wohl einfachste Gericht, dass man sich denken kann, besteht es doch nur aus Griess, Fett und Salz. Von solchen Speisen lebte man in den Alpen Jahrhundertelang, wenn man auf der Jagd oder auf den Alpweiden war. Und weil vom Mai bis Jakob das Sprichwort galt “viel fress i, wenig hob i”, passt es ganz gut in diese Jahreszeit. Et voilà:

Zutaten: 1/2 l Griess, 70 g Fett, Salz, evtl. 2 EL Butter.

Den gesalzenen Griess mit dem heissen Fett übergiessen und mischen. Kochendes Wasser zugiessen, sodass ein weicher Teig entsteht. Eine halbe Stunde rasten und quellen lassen. Grosse Nocken ausstechen, im Salzwasser leicht wallend kochen lassen und abseihen. Wenn es ein grosser Tag ist, Butter schmelzen und über die Nocken geben.

Bon appétit!

Der weisse Wurm

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Illustration: Ludwig Bechstein, Märchen

Immer, wenn die Mutter die Milch vom Feuer nahm, stand das Mädchen schon da, mit einem hölzernen Napf in der Hand und einem Milchlöffel. “Dem Chatzelli o Mämmi bringen”, sagte es, und die Mutter gab ihr die Milch, ohne gross nachzudenken. Mit der Zeit erschien ihr das Verhalten des Töchterleins aber doch seltsam. Und so ging sie ihm eines Tages nach, durch das Gänglein und hinaus vor die Türe. Da erschrack sie. Aus dem Napf hing eine weisse Schlange, und das Mädchen schlug ihm mit dem Löffel auf den Kopf und sagte: “Brood o nän! Brood o nän!”

Auch an anderen Orten im Alpenraum sah man die Würm. In Silenen hausten sie unter den Gaden in einem Feld. Armdick und vierfüssig seien sie gewesen, wusste der 75 jährige Ambros Zurfluh noch 1945 zu erzählen. Der grösste unter ihnen habe einen goldige Krone getragen, so gross wie ein grosser, schöner Fingerring. Ihnen bekam die Milch nicht gut. Als man ihnen eine Mutte voll hinstellte, soffen sie sie und verdarben. Eine ungeheure Masse von Würmen sei da am Boden gelegen, so Zurfluh.

Es war die einzige Art, ihrer Herr zu werden. Denn hieb man sie entzwei, kroch der Kopf davon und suchte sich ein Blatt von einem Kräutlein, legte es sich auf den blutenden Rumpf – und die Schlange wuchs wieder zusammen. Ein Unterschächner probierte im Brunnital einmal vom Wurmenkraut. In der Lissleren habe er einen “Wurä” gesehen, der unter einem Felsen hervorkroch und sich an den frischen grünen Pflanzenblättern gütlich tat. Der Schächner schaute ihm aufmerksam zu, und als der Wurm wieder unter seinem Felsen verschwunden war, nahm auch er von den Blättern. Bald wurde er müde.

Neun Tage später hatte man im Tal noch immer nichts von ihm gehört. Die Kirchenglocken schlugen, und man wollte dem tot geglaubten die Abdankung lesen. Die Überraschung war gross, als er plötzlich unter den Trauergästen auftauchte. Und wissen wollte, wer gestorben sei. Nachdem er vom Wurmenkraut gegessen hatte, hatte er neun Tage und neun Nächte geschlafen…

Melchior Sooder: Zelleni us em Haslital
Josef Müller: Sagen aus Uri 

Odins wilde Väter II: Der Herr der Wildnis

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“Schädige nicht unsere Grossen, noch unsere Kleinen, schlage nicht unser Vieh, nicht unseren Vater, noch unsere Mutter, nicht unsern eigenen teuren Leib.”

“Schädige uns nicht in unseren Kindern und Kindeskindern, nicht in unseren Frommen, nicht in unseren Rindern, nicht in unseren Rossen, schlage nicht, Rudra, in deinem Grimm unsere Männer. Fern bleibe dein Rinder- und Menschenmorden.”

“Bringe kein Siechtum in unsere Familie, schädige nicht unsere Nachkommen, schlage uns nicht, verrate uns nicht, mögen wir nicht, wenn du erzürnt bist, in deine Schlinge geraten.”

So schildern die vedischen Hymnen den einen Gott, der so gar nicht in das freundliche und milde Wesen der anderen Gottheiten passen will: Rudra, den Lärmer. Er jagt über den Himmel, lauert in Wäldern, hält sich nachts an Kreuzwegen auf. Und sein Zorn ist kein gerechter: “Aus diesen (…) Wendungen geht zur Genüge hervor, dass Tücke und Mordsucht das Wesen Rudras sind und nicht nur ein Ausfluss seines durch Vernachlässigung der Menschen oder andere Verstösse gegen ihn erregten Zorns. Unsicherheit und Angst vor den fürchterlichen Angriffen des Gottes sind der Grundton der Anrufungen”, schreibt Ernst Arbman in seiner Dissertation über den vedischen Gott.

Wie man diesem mächtigen, schrecklichen Gott begegnete, sagt viel über sein Wesen aus. Es zeigt sich in einem eigentümlichen Opfer, dem Trayambakahoma. Es fand ausserhalb des heiligen Bezirks statt, immer an einem Kreuzweg – einem Ort, der in der indischen Volksreligion mit allem Wildem und Dämonischen in Verbindung stand. Kreuzwege waren Orte der Ambivalenz, des Sowohl-als-auch. Hier war alles unklar, uneindeutig, entsprechend waren sie bevölkert von Unholdinnen und Dämonen. Dies war Rudras Welt. Er war ein Gott der der verlassenen Gegenden. Er begegnete den Hirten, wenn sie ihre Herden in entlegene Winkel trieben, und Wasserträgerinnen, die in den frühen Morgenstunden alleine zum Brunnen zogen.

Gott dreier Mütter

Für das Trayambakahoma buk man soviele Kuchen, wie man Angehörige hatte, und einen dazu. Dann zog man mit einem Feuerbrand zum Kreuzweg, warf den überzähligen Kuchen auf einen Maulwurfshügel und rief Rudra an, den Maulwurf – oder einen verhassten Feind – als “sein” Tier zu gniessen. Erst danach wurde mitten auf dem Weg ein Opferfeuer entzündet. Von jedem Kuchen wurde ein Stück abgegeben und ins Feuer geworfen. “Dies ist dein Anteil, Rudra, geniesse ihn zusammen mit deiner Schwester Ambiki”.

Ambiki heisst soviel wie “Mutter” und bezeichnet auch die unheimlichen “Mütter”, die die Dörfer beschützen und später als Manifestationen der zerstörerischen Göttin Kali gesehen wurde. Diese ist identisch mit Schiwas Gemahlin Parwati. Mit ihr zusammen “tötet er, wen er tötet, mit ihr zusammen wird er abgefunden.” Rudra wurde immer mit Ambika zusammen verehrt, und ursprünglich muss er mit drei solchen Göttinnen in Verbindung gestanden haben: Sein wohl ältester Name Tryambaka bedeutet nichts anderes als “der mit drei Müttern verbundene”.

Die Verehrung von Müttern spielte in der indischen Volksreligion eine herausragende Rolle. Jedes Dorf hatte seine eigene Mutter als Schutzgottheit. Dabei hatten die Mütter wenig Mütterliches an sich, sondern einen eher aggressiven Charakter. Zu diesen “Müttern” gehörten auch die Unholdinnen an Kreuzwegen, Bergabstürzen und Quellen. Die drei Mütter, mit denen Rudra als Tryambaka ursprünglich verbunden war, werden einen ähnlichen Charakter gehabt haben.

2000 Jahre finden wir am anderen Ende der indogermanischen Welt eine ähnliche Anordnung: Im gallorömisch-germanischen Rheinland, einer Region, in dem sich gallische und germanische Kultur intensiv vermischt haben. Unzählige Statuen zeugen hier von einem Kult der Matronae – der Mütter. Sie scheinen Schutzgottheiten des Landes und der Stämme gewesen zu sein, ihre Funktionen waren sowohl Fülle als auch Krieg – sie waren damit den indischen Dhisanas und Müttern nicht unähnlich. Auch sie scheinen oft mit einem männlichen Gott verbunden zu sein: Dem gallischen Merkur – der möglicherweise der direkte Vorläufer des germanischen Wodans war.

Heiler im Wolfspelz

Doch weiter im Trayambakahoma. Nach den Anrufungen bittet der Opfer um das, was er sich von dem wilden Gott erwartet. Und dies ist erstaunlicherweise nichts, was auf den ersten Blick mit dem wilden Charakter des Gottes zu tun hat: Er bittet um Heilung. “Ein Heilmittel schaffe für Rind, Pferd, Mensch, ein Heilmittel auch für uns, dass es ein gutes Heilmittel sei, Wohlergehen für Widder und Schaf.” Der Gott, der aus purer Mordlust raubt und tötet, soll also das Vieh und die Menschen heilen. Doch Rudra war eben der Gott der Krankheiten, der mit seinem Pfeil Pest und Seuchen verbreitet, und wer könnte den Menschen von Krankheit befreien, wenn nicht der Bringer der Krankheit selbst?

Diesen Zug teilt er mit einem anderen indogermanischen Gott der Heilkunst: Apollon. Auch dieser wurde als Heiler verehrt, war aber ursprünglich gerade ein Gott der Krankheiten. Homer berichtet, wie er mit seinen Pfeilen die Pest in das Heerlager der Achäer trug. Überhaupt hatte der alte, dorische Apollon wenig mit dem Lichtgott der Spätantike zu tun: Er war wie Rudra ein Gott, der an abgelegenen Orten, der vor allem in den Bergen hauste. Sein erster Tempel in Athen stand in einem Sumpf neben den Stadtmauern, mit seinen geisterhaft singenden Musen zog er auf dem Berg Parnassos umher.Als Gott der Wölfe war er zugleich der Gott der Hirten. Die Logik ist dieselbe wie beim Heiler Rudra: Wer könnte die Herden besser vor Raubtieren schützen, als der Herr der Raubtiere selbst?

Als Hirtengott steht er auch in enger Beziehung zu Pan und Silenus, die möglicherweise auf den gleichen indogermanischen Wolfs- und Hirtengott zurückgehen: Sie wohnen mit ihrem Gefolge in den Bergen, im Wald, erschrecken die Hirten und werden doch von ihnen verehrt. Wie Pan und Silenos erschien der dorische Apollon bisweilen als karneios, als ein gehörnter Gott. Weissagung, Zauber, Heilung; Wildheit, Aussenseitertum, Schrecken – wie bei Rudra (und später Óðinn) gehen das Furchtbare und das Heilige bei diesem Gott Hand in Hand.

Der Herr der Wildnis ist auch in Osteuropa nie ganz in Vergessenheit geraten. Im slawischen Raum erscheint er in der Teufelsgestalt Veles. Er steht im Gegensatz zum grossen Schläger Pervan oder Perun, der slawischen Entsprechung der indogermanischen Donnergötter wie Indra oder Þórr. Er ist ein gehörnter Gott der wilden Tiere, aber auch der Skooti Bog, der Gott des Viehs und wurde als solcher von den Hirten verehrt. Er war auch der Gott der Seher. In Litauen kennt man ihn als den einäugigen Velinas, der zugleich der Gott der Toten und des Viehs ist und die Schar der Veles anführt, ein gespenstisches Heer von Geistern und Heroen. Er war so schrecklich, dass sein Name nicht ausgesprochen werden durfte, weshalb er eine Vielzahl von Beinamen führte, darunter “Der Seher” oder “Der Gott der Wut”.

Die baltischen und slawischen Götter der Wildnis, mit ihrem gehörten Äusseren und ihrer Eigenschaft als Anführer einer wilden Jagd erinnern in vielem an Gestalten der nordischen Folklore, wie den finnischen Nuutipukki und den norwegischen Julebukk: Eine in Felle und Hörner verkleidete Gestalt, die zu Weihnachten oder St. Knut (13. Januar) die Häuser aufsucht und vorgibt, “aus dem Wald” und “von weither” zu kommen. Er hat seine Entsprechung in den Schweizer Schnabelgeissen.

Wie seine indogermanischen Verwandten war Rudra ein Gott der Berge, der Wildnis. Er galt als Herr der wilden Tiere, die er jagte, und ebenso als Herr aller Lebewesen überhaupt: “Die – als Dein Besitz, worüber du nach Gutdünken verfügst – sind zugeteilt: Rind, Ross, Mensch, Ziege, Schaf”, heisst es im Atharveda. Er sei der “grosse Vernichter, dem alle Geschöpfe gänzlich preisgegeben sind”, so Arbman.

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Illustration: The Pagan Mountain Man

Löser der Fesseln

Doch zurück zum Trayambakahoma. Das Opferfeuer wurde nun mit Wasser umsprengt. Die Formel dazu lautete: “Wir fanden Rudra ab, den Gott Tryambaka, dass er unser Glück vermehre, dass er uns wohlhabend mache, reich an Vieh, dass er uns freigebe”. Beim folgenden Umgehen des Feuers baten Heiratswillige Mädchen darum, dass er sie frei mache von ihrem Haushalt, dem sie nicht mehr länger angehören wollten.

Hier erscheint Rudra als ein Löser der Fesseln – ebenfalls eine Gemeinsamkeit, die er mit Óðinn hat, der sich rühmt, die magische “Heerfessel”, wahrscheinlich ein Schockzustand auf dem Schlachtfeld, lösen zu können. Er ist damit das Gegenteil des ebenfalls dunklen Himmelsgott Varuna: Dieser galt in den Veden als der grosse Binder. Während Varuna als ordnende Macht Menschen und Geister mit Eiden und Strafen band, war Rudra der Gott der Auflösung dieser Ordnung, der Entfesselung.

Zum Abschluss wurden die Reste in Körben in Bäume gehängt – wohl der ursprünglichste Teil des Rituals – und der Gott darum gebeten, vorüberzuziehen. “Dies ist den Anteil, Rudra, den geniesse, gehe mit diesem als Wegzehrung über den Mujavant hinaus. Dann rief man drei Mal im Chor: “Abgespannt hat seinen Bogen der Bogenschütze, der Fellbekleidete.”

Der Mujavant, über den Rudra hinaus gehen soll,  war wahrscheinlich ein heiliger Berg im Himalaya, das heisst im Norden: Dies war Rudras Himmelsrichtung. Dort lag für die Inder die vergletscherte und mit undurchdringlichen Wäldern bekleidete Wildnis, das Ende der Welt. Einer von Rudras Beinamen war Schiwa, der Gnädige. Als solcher ist er heute einer der grossen Götter des hinduistischen Pantheons. Zusammen mit seiner Gemahlin residiert er auf einem Gipfel des Himalajas und übt sich dort in Askese und Meditation.  Wie Rudra ist Schiwa der Gott der Auflösung und der Zerstörung, in der dem Hinduismus eigenen philosophische Betrachtungsweise ist er das Prinzip der schöpferischen Zerstörung, ohne die nichts erschaffen werden könnte.

Herr der Verschworenen

Wer heute Indien besucht, wird von ihnen fasziniert sein: Die Sadhus, heilige Männer mit wildem Haar, die allem weltlichen abgeschworen haben und sich ganz der meditativen Versenkung widmen. Ihr wildes Äusseres entspricht ganz der Vorstellung, die die alten Inder von Rudra hatten. Und das ist kein Zufall. Denn die asketischen Bruderschaften, die Schiwa verehren, gehen auf eine ungleich grausamere, kriegerische Institution zurück: Die Vratya. Vor viertausend Jahren, als die in den Veden überlieferte Religion entstand, waren dies Bruderschaften von jungen unverheirateten Männern. Zu alt, um noch im Schoss der Familie zu bleiben, zu jung, um zu heiraten und ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen, waren sie verstossene, lebten in einer Zwischenwelt zwischen Kindheit und Erwachsensein.

Das Pancavimsha-Brahmana aus dem ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung beschreibt das Auftreten der Vratya eindringlich:

“Sowohl der Anführer als auch seine Gefolgschaft tragen einen schwarzen Turban und ein schwarzes Gewand. Diese düstere Farbgebung übermittelt Lichtlosigkeit und damit Gefahr; Schwarz ist die Farbe des Todes. Außer Turban und Gewand tragen die Vratyas am Oberkörper ein Kleidungsstück aus Fell, was ihre gesellschaftliche Sonderstellung hervorhebt, denn Felle gelten in Indien nicht als alltägliches Kleidungsstück. Überdies war die Kleidung absichtlich ausgefranst und präsentierte damit zusätzlich die Wildheit und die Unangepasstheit des Trägers. Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Anführer und der Gefolgschaft liegt in der Anzahl der Gürtel, die getragen werden. Der Grihapati trägt nur einen, da er nur an seine Gottheit, Rudra, gebunden ist. Die Männer der Truppe hingegen tragen zwei Gürtel, denn sie sind einerseits dem Gott und andererseits dem Anführer verbunden. Nur der Grihapati fährt in einem Wagen, der von zwei verschiedenen Zugtieren (Esel u. Kuh) gezogen wird. Um diese anzutreiben besitzt er einen langen Stock. Außerdem ist er im Besitz eines Bogens und einem Köcher mit drei Pfeilen. Diese drei Pfeile symbolisieren Rudra im Himmel, im Luftraum und auf der Erde.”
Wikipedia, nach Harry Falk, Bruderschaft und Würfelspiel. Untersuchungen zur Entwicklungsgeschichte des vedischen Opfers. 

Die Vratyas waren gefürchtet für ihr extrem aggressives Verhalten. Ihre Besuche waren regelrechte Heimsuchungen, die Grenze zur organisierten Wegelagerei waren fliessend und scheinen oft überschritten worden zu sein. Dabei ist in den Quellen manchmal unklar, ob das Tier, das der Bauer im Winter im Wald opfert, dem Rudra und seinen Dämonen oder den Vratyas selbst galt – im magischen Denken jener Zeit spielte dieser Unterschied vielleicht gar keine Rolle. Ihre Feste feierten die Kriegerbünde als ekstatische Orgien. Immer wieder wird hervorgehoben, wie gemeinsam mit Rudra “Gift” getrunken wurde, Frauen, die an die Orte der Vratya gingen, galten als Huren und wurden als solche behandelt.

Die Andersartigkeit der Männerbündler hatte aber auch eine rituelle Rolle: In den Wintermonaten suchten sie Könige und Brahmanen auf, denen gegenüber sie ein obszönes und unflätiges Verhalten an den Tag legten – nicht unähnlich den Katzenmusiken und Spottgedichten, für die die Schweizer Nachtbuben bekannt waren.

Tatsächlich zeigen sich zwischen dem Knabenschaftswesen der Alpen des Mittelalters und den indischen Männerbünden des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung erstaunliche Parallelen: Bei beiden waren es die jungen, unverheirateten Männer, die in einem um einen Totenkult herum organisierten Männerbund organisiert waren – den Innerschweizer Knabenschaften und Bruderschaften kamen Rollen bei Hinrichtungen und Begräbnissen zu. Beide suchten um Mittwinter die Einwohner heim und pressten ihnen Gaben von Speise und Trank ab, beide zeichneten sich dabei durch unflätiges Verhalten aus, das im Sinne eines heiligen Rügerechts gesellschaftlich sanktioniert war. Und wie die Vratya mit Rudra in Verbindung standen, so standen die Nachtbuben dem Wuotinsheer nahe, dessen Treiben sie bei den mittwinterlichen Maskenfesten zwischen St. Nikolaus und Dreikönig regelrecht imitierten.

Die Parallele ist kein Zufall. Tatsächlich finden sich Spuren wilder Männerbünde, die mit Nacht, Tod, Wildnis, Mittwinter und einem göttlichen Anführer eines Geisterheers in Verbindung stehen, in der ganzen indogermanischen Welt. Die skandinavischen Berserker gehören ebenso hierher wie die spartanischen Epheben oder die irische Fiana. Letztere ist geradezu der Idealtyp eines solchen Männerbundes: Diese verbrachten den Sommer als Wilderer und Guerillakämpfer in der Wildnis und quartierten sich im Winter bei den Bewohnern des Landes ein. So hatten sie – wie der indogermanische Gott der Wildnis – eine Doppelrolle: Im Winter waren sie eine Geissel, im Sommer eine Schutzmacht der Bevölkerung.

Wir kehren damit aus dem Dschungel Indiens, der Macchia des Mittelmeers und den Wäldern Russlands zurück nach Westeuropa. Eines scheint klar: Wodan muss die germanische Version des alten indogermanischen Gottes der Wildnis und der Wildheit gewesen sein. Doch wie wurde aus ihm ein im Himmel herrschender Götterkönig?

Nächste Woche begeben wir uns auf der Suche nach einer Antwort in das Gallien um die Zeitenwende, wo sich Krieger in grausamen Zeiten um einen finsteren Gott versammelten. 

Den ersten Artikel verpasst? Odin und seine wilden Väter I: Ein Gespenst aus Luzern

Literatur

Arbman, Ernst:Rudra: Untersuchungen zum altindischen Glauben und Kultus
Burkert, Walter: Homo Necans. Interpretationen altgriechischer Opferriten und Mythen
Falk, Harry: Bruderschaft und Würfelspiel. Untersuchungen zur Entwicklungsgeschichte des vedischen Opfers
Gunnell, Terry: The Origins of Drama in Scandinavia
Hraste, Daniel/Vukovic, Kresimir: Rudra-Shiva and Silvanus-Faunus: Savage and Propitious. 
Kershaw, Kris: Odin. Der einäugige Gott und die indogermanischen Männerbünde
Meili, Karl: Schweizer Masken

The Goddess of Kafiristan

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Mountains have always been a nightmare for anyone trying to establish central power. This is especially true for Nuristan, a province in eastern Afghanistan, deep in the rugged mountains of the Hindukush. Even nowadays, the region is hardly accessible to governmental or western forces. The name Nuristan, which means “land of the enlightened”, is no more than 120 years old. Before, the remote valleys were known as Kafiristan – the land of the unbelievers according to their muslim neighbors. The Kafirs lived in tribal societies, depended on irrigation agriculture and their goat herds, which, very alike to the traditional farming in the Alps, spent the summer on mountain pastures far away from the small, wooden villages of the Kafirs.

The Kafirs were a warrior society, war was not an exception but the rule. Every summer, after a fixed date, the warriors would go on the hunt for booty, cattle and heads of their enemies. The fighting only paused, when both sides were exhausted by the blood shed. The agonal way of life prevented any invasion and conversion to Islam – until the 1890ies, when the islamic forces managed to conquer the country and erased the traditional culture and religion of the Kafirs in a manner that we would consider genozide if it were to happen today.

The religion of the Kafirs is of great interest to any student of indoeuropean religions. Not only did the Kafirs resist conversion to islam – they also seem to have been unaffected by the religious changes the neighboring Hindu population had undergone for centuries. Thus, we can expect to find a very ancient form of indoeuropean religion among the last heathen tribes of the Hindukush.

Since there is not much literature on the subject online, I’ve decided to present some of the most important deities of the Kafirs: Disani, the great goddess of the Hindukush, Imra, the silent creator god, Mon, the wise and ruseful, and Gish, the great enemy of the muslims.

The valley is the world: Kafir cosmology

The world view of the Kafirs was dominated by their mountainous surroundings. Their language had a complicated system of words to describe directions in relation to mountains and rivers, the cardinal points were of minor importance. Even more: The same word could be used for “valley” and “world”. The Kafir cosmology thus takes place within their mountains and is dominated by the rugged terrain of the Hindukush.

The upper world begins at the upper end of the valley, in the eternal snow of the mountain peaks. This is where the world tree grows. The middle world is thus the centre of the valley, while the underworld is located at the lower end of the valley, where the river connecting all three worlds enters the realm of the dead. As a result, gifts for the dead were given into the river, so they would float directly to the other world. The gods move up-valley to gather for their assembly, and reside in lakes in the high regions. Lakes and ponds are seen as doors to the other world. Some gods also live in the mountains or in a glacier.

There is also a competing world view which counts seven heavens, bolted together by a polar star. The creation of the land is connected to the suppression of a giant, who was pushed into the abyss of the underworld an on whose remains the land was built. There is also an account of a diluvial primal catastrophe, but it is not water that almost destroyed the world, but the sun who had come too close to the earth.

Gods, giants and fairies

According to Kafir believes, the world was inhabited not only by men and animals, but also by gods an demons. The gods were known as Delu. Many gods are embodiments of natural phenomena: Bagisht is the god of waters, Züzüm the god of the cold, and so on. There is also a goddess of a specific river, Lunang, the mistress of the dominating Prasun river. She is depicted as a dancing girl who comes to bring blessing or destruction. However, the greater number of gods presides over certain functions in human live, as for example Nirmali, goddess of birth. In general, the gods themselves are constantly at war, not unlike their tribal followers. Their typical deed is always the overcoming of a powerful enemy, never are they depicted as loving, beautiful or even amorous gods as we know them from the greek or roman pantheon.

Besides the gods, there are beings of the landscape that play an important role. The Yush are a kind of giants and enemies of the goddesses. They are of extreme strength and stature. When they walk, the earth is shaking. They have six fingers and can change their shape to animal form.

There was also a cult of the female partners of the Yush. These Wutr or Dänik were a kind of fairies and received offerings together with the great goddess Disani: butter and bread for the thriving of wheat and millet. In the night before the orgiastic Disanedu feast, which marked the beginning of the war, dances were performed in their honor. The fairies were also thought to reside in trees.

The mighty Goddess of the Hindukush

Disani was one of the most important deities of the Kafir belief system. She appears as an important partner of the gods in most of the myths, she has many relationships with many gods. Her name is probably related to the sanskrit Dhisana, a name for one or several goddesses of plenty. Disani represents the female as such, so her roles are manyfold.

Disani is identified with a tree that is said to be the Kafir people with all it’s tribes. The tree grew out of a lake, it was so high, that it would have taken eight years to climb it. When a god fell in love with a tree, the trunk broke and Disani unveiled herself. The god was so scared that he fled. In another version of the story, Disani is the trunk of the tree, while it’s seven branches are seven ancient families. Thus, Disani is called mother by the gods, and was occasionally seen as the most powerful deity of all.

She ist responsible for fecundity in general and for having many children in particular. Her symbol is milk, which she lets flow. She arouses sexual desire. At the same time, she was a goddess of death. She leads the dead back to their actual home in the otherworld, the house of Disani. She presides over seven maidens who end the life of men with their arrows. As a goddess of death, she is represented by bird symbols. Women pray to her, when their men go to war. Disani is also the goddess of social order, in case of the kafirs, the clans. She built a tower with seven doors – one for every of the mythical families the kafir society was based on.

As agriculture was a task of the Kafiri women, Disani presides over the fields and the crops. Nevertheless, she is also seen as the deity responsible for the wellbeing of the cattle – a male role in Kafir society. She was also seen as a priestess (Utai) – although women in real life were not even allowed to approach altars, including the one of Disani herself. Disani is also armed, in human form she appears with a dagger, bow and arrow. In animal form she is a mountain goat, out of her footsteps grows corn.

Disani had many shrines. In the Bagram valley, there was a timber construction with a window. Her statue and images of three other dieties were hidden behind it. In Kamdesh, she had a temple with an atypical gable end roof. Besides the shrines, she was venerated in special stones and rocks.

The goddess was venerated with offering of goats and milk products, grain and nuts, and dances. In the hymns a special “garland” is mentioned as her attire, it seems to have been a golden headdress. One hymn tells, what people expected of her:

“Keeper of the temple, giver of milk for humankind, protectress of the children, beneficiary of humankind, bringer of divine blessing, you let the stream of milk flow, you give love lust to the humans, you increase that which is created, you are the one who receives the blessings of god, you are the keeper of the nine doors of mercy”. 

Disani was not born, but emerged from the right breast of Imra. The god threw her into the air, then she emerged from a lake, in the middle of which a tree started to grow – the very same tree from which she emerged when the unnamed god fell in love with it. There is also a version of the story where it was a golden disk that fell into the lake from which the tree grew. This might be an old connection between a solar symbol and the waters, not uncommon for female deities of the indoeuropeans. In south Kafiristan, where Indr was venerated, she was his daughter. In parts of southern Kafiristan, she was also seen as wife of the war god Gish. Her relationships to male gods are thus manyfold and complicated.

Disani also has some very cruel aspects: She is the murderer of her own son. He had tried to plant a garden without the permission of the gods, thus changing the right order of the world. As he fled the wrath of the gods, they called Disni who chopped of his head without realizing who he was. She then turned her fury against the gods. To appease her, they founded a festival, where 18 young men compete in a tournament and then sing songs of laments. This finally appeased Disani.

While Disani appears as a warlike and cruel goddess towards the male dominated society as a whole, she shows a softer face to women, under the name of Nirmali. According to the legend, Nirmali is the root of the tree whose trunk is Disani.

Nirmali is a pure goddess of function, connected to birth and female fertility. The two goddesses are bound together by the common byname Shuwe. She is said to have created the female sexual organs.

Creation, Wisdom and Violence: Three gods

Imra was the chief god of the Kafirs. He created the world and the other gods, as well as the giants and the fairies. He was the father of seven Maras, female deities who presided over the thriving of the fields. He created humanity by making butter in a bag of goat skin, and gave the goddess Nirmali her duty of watching over child birth. He was seen as the lord of the dead and the underworld, but he also lives in the sky and the clouds. Imra is both a culture hero and a deus otiosus: After he had teached the humans, he disappeared into the sky and has never been seen again.

Imras Temple was located in the central place Kushteki and was completely destroyed after the forced islamization in the 1890ies. In the north-east of the temple, there was a giant statue of the god. In the middle of the room there was a square hearth. The whole was surrounded by huge carved pillars showing mighty faces. The temple was located close to the hole in the ground which was seen as an entrance to the underworld.

Mon or Mandi was the second most important god of the Kafir pantheon. He was the first being and was imagined as a man with a golden quiver. He was the gatherer of the rain clouds and a fighter against demons who fought with ruse rather than arms. He was revered with more awe than enthusiasm and was symbolized by a standing stone. He was depicted as sitting on a wild goat with crossed horns. The eagle was another animal of Mon. According to a legend, he escaped the underworld sitting on an eagle’s wing.

Mon is an intermediary between gods an humans. His name is probably related to the indian Mahandeva, a name for Rudra and later Shiva, with whom he shares many similarities.

Gish was the great warrior deity of the Kafirs, comparable to the vedic Indra. Gish is a foolhardy warrior and not the most intelligent of the gods, especially when compared to the wise Mon – in some myths he is ridiculed for this. He had a magic spear which he could stick into the ground to create food for his army. It was also believed that he had played polo with the head of his enemy Sanu, who was equated with the islamic prophet Muhammad. Gish was seen as the mortal enemy of muslims and the killer of Hasan and Husein.

Before, during and after the tribal wars, Gish was venerated with dances. In opposition to the other gods, no instruments except drums were allowed at these dances. The women celebrated frantic feasts in honor of Gish to support their men at war, at this occasion, they wore men’s costumes and danced with daggers and axes. When the warriors came home, the festival was repeated. This often included the clubbing to death of a war prisoner after being presented to Gish. Gish had a shrine in every village of Kafiristan. It had a small door, which was only opened between the end of april and the beginning of july.

In the south of Kafiristan, the old vedic Indra was still venerated under his “real” name Indr and shared many similarities with Gish, who seems to have taken over his role in the northern parts of the tribal areas. Indr has a special connection to wine: One is not allowed to drink it before a portion for Indr has been poured. This might reflect an ancient drinking ritual, since in the vedic scripture, Indra is the chief of the drink of immortality, soma.

Offerings, Dances and an Orgy: Pagan Festivals of the Kafirs

The most important festival of the Kafiri was the feast of midwinter, the Giche, celebrated after mid january, held at the shrine of Disani. This was the moment, when boys were declared men. The festival lasted for twelve days. During the first seven days, dances were performed. On the eight and ninth day, wood and juniper was collected for the great culmination of the festival. On the tenth day, the god Mon was honored with offerings of ghee and juniper, which were thrown into a fire. Animal figures were made of twigs and animal shapes were painted on the walls, then the gods were asked for protection and multiplication of the handcrafted and painted animals.

On the next day, the figures were cut in as many pieces as there were members of the household. The rest was made to torches. In the night, bread was baked and offered to all of the gods. Then, the house was cleaned with incense. At night, the crowd gathered at the shrine of Disani to sing songs of praise, without any instrument.

In early march, a festival for the dead ancestors was celebrated, the Marnma. All activities were done by the women. They brought food to the ancestor poles typical for Kafiri burial grounds. When they came back, they challenged the men with sexual innuendo. Food was dispersed around the house and washed away with water. Then, the rest was consummated by the family.

Between the end of April and the beginning of may, Gish was honored in a prolonged period of festival. The door of his shrine was opened, slaves had to play the drum for him during the morning and evening hours. A priestly man walked through the village to the sound of bells and drums, his face smeared with flour.

The festival shares some similarities with the Disanedu, which was celebrated between the 9th and 12th of July. This was the time when the door to the shrine of Gish was closed again. Part of the feast was a ritual controversy, where women where allowed to intermingle with the men and to douse them with water. The culmination of the feast was a night of dance followed by a sexual orgy. The day after, the man who went to war gathered and were not allowed to return to their houses until after the campaign.

A last feast was celebrated in september, centered around carefully adorned young boys. Not much is known about the festivals, but it may have had similarities with the Budalak-ceremonies of the Kalasha, where the boys returning with their herds brought the blessing of the high mountains to the community – by sleeping with every woman they wanted to.

Disani and the Great Goddess of the North

The Kafir religion, alive until no more than 120 years ago, shows many similarities with ancient indoeuropean pagan religions. It might therefore share a new light on some of the old gods and goddesses of other culture. The two male gods, Gish and Mon, remind of a pair of similar gods in northwestern european cultures: The Dagda and Lugh in Ireland, and Thor and Odhinn in northern Europe. The contrast between a mighty god of physical power and a god of intelligence and magic seems to be very ancient.

The most striking similarities are in my opinion the ones that connect Disani to the ancient goddess of the North. Not only do they share a name (the old norse Dís is related to Sanskrit Dhisana), but also crucial roles: The goddess who arouses sexual desire is at the same time the goddess of death, who presides over female deities who bring death to warriors in battle. She is connected to a goat and a tree, which brings to mind the Heidrun of Old Norse mythology. Even more: A 12 day long midwinter festival is celebrated in the middle of january, which culminates with offerings at the shrine of Disani. This reminds us of the anglo-saxon Night of the Mothers, the twelve days of Christmas and the Dísablót at Uppsala. Interesting connections can also be found in the strong relation to the clan structure of the tribal society, the combination of solar and aquatic symbolism and last but not least the fact that Disani is the “garlanded Goddess”, connected with a golden headdress, which sounds like a far echo of the goddess who is glad in her necklace, Brisingamen.

The appearance of all these traits in such a remote and isolated place, 1000 years after the christianization of Northern Europe, leads to the conclusion that the aforementioned characteristics of the northern european goddess are not a regional phenomenon or a result of a development in early historic times, as has been suggested, but ancient, common indoeuropean features. The goddess of the North might be more than that: Hidden behind a confusing multitude of regional names shines the old, great goddess of the indoeuropeans.

Literature:

Karl Jettmar, Die Religionen des Hindukusch, 1975.

Illustration:

George Scott Robertson, The Kafirs of the Hindu-Kush.